Die Gedanken sind frei – Joy über emotionalen Betrug

Wo beginnt emotionaler Betrug? Vielleicht genau jetzt. Unter der Woche nach Mitternacht, mein Mann schläft schon längst, und ich sitze mal wieder alleine in unserem dunklen Wohnzimmer. Ich bin unzufrieden, umtriebig, kann nicht schlafen. Ich gehe online und finde mich in einem Chat wieder. Ich nenne mich Joy. Voll unkreativ. Aber „Freude“ wäre ich jetzt gerne. Was genau suche ich hier eigentlich?

In den letzten beiden Jahren ist so viel passiert. Zwei Fehlgeburten, das Wunschkind lässt noch immer auf sich warten. Und dann starb auch noch meine Mutter, meine Freundin und Vertraute, nach monatelangem Kampf. Ich habe sie begleitet bis zum letzten Atemzug, war in jeder Minute in Gedanken bei ihr, voller Angst und Sorge. Währenddessen ließ ich  sämtliche Kinderwunsch-Untersuchungen über mich ergehen, versuchte mich mit sauteuren Nahrungsergänzungsmitteln zu tunen und schluckte brav meine Schilddrüsen-Tabellen, um meinen Körper endlich in eine funktionierende Gebärmaschine zu verwandeln. Wie ätzend.

Diese Zeit liegt hinter mir! Das Leben hat mir gezeigt, dass wir nichts kontrollieren können, über Leben und Tod entscheiden wir nicht. Aber wir entscheiden, ob unser Leben Spaß macht. Und plötzlich steigt nach einer langen Zeit voller Sorgen, Frust und Trauer diese Lebenslust in mir auf. Was will ich tun, um das Leben wieder zu spüren? Tanzen, mich betrinken, mit dem Fallschirm aus nem Flugzeug springen? Nein, ich will Sex. Ich will meinen Körper spüren. Meine Libido ist auf 180! Kein nettes Reinraus in der Missionarstellung, von liebevollem Küssen begleitet, nach zehn Minuten ist alles vorbei, wir checken nochmal unsere Handys und gehen dann schlafen. Nein, ich brauch das anders. So wie früher. Wie konnte ich das nur verdrängen?

Früher, vor meinem Mann, habe ich ein paar Erfahrungen mit zwei dominanten Partnern gesammelt, die mir meine Neigung wohl an der Nasenspitze angesehen hatten. Wir haben da nie drüber geredet oder irgendwelche Regeln festgelegt. Ich war zwar im Alltag und in meinen Beziehungen eine Frau, die sich nichts sagen lässt und gerne den Ton angibt, aber „im Bett“ war ich devot und − naja sagen wir: experimentierfreudig.

Einer meiner dominanten Exfreunde packte mich gleich bei unserem ersten Sex nach wildem anfänglichen Geknutsche plötzlich an den Haaren und zog mich in die Horizontale. Er kniff mir so fest in die Nippel, dass ich kurz vorm Schreien war. Nachdem er mir ohne Vorwarnung zwischen die Beine gefasst und eine hämische Bemerkung über das feuchte Klima da unten gemacht hatte, schob er mir danach die Finger in den Mund. Er gab mir Anweisungen und nahm sich, was er wollte. Mir wurde schwindelig und ich wusste gar nicht mehr, wo oben und unten ist. Zwischendurch flüsterte er mir ins Ohr „Du sagst ‚stopp‘, wenn es dir zu viel wird, ok?“, und ich erwiderte: „Du bist noch lange nicht an meinen Grenzen“. Ich steh drauf.

Es ist für mich das Größte, mich hundertprozentig hinzugeben und die Verantwortung für diesen Moment abzugeben, allen animalischen Trieben freien Lauf zu lassen, Grenzen zu überschreiten und eine ihm alle Wünsche erfüllende Schlampe zu sein. Vielleicht kommt deshalb gerade jetzt, nach dieser schweren Zeit mit viel Vernunft, Disziplin und Verantwortung, dieses Verlangen wieder so geballt ans Tageslicht!

Nun bin ich aber mit einem ganz lieben und anständigen Mann verheiratet, der mich zwar gerne mal durchvögelt, aber von diesen ganzen Spielchen nicht viel wissen will. Überhaupt reicht es ihm, wenn wir alle ein bis zwei Wochen mal Sex haben. Seine größte Motivation für Sex ist mein Eisprungtermin. War für mich eine Weile auch ok, weil ich meinen Fokus auf anderen Themen hatte, aber das ist ja, wie gesagt, Schnee von gestern. Also woher bekomme ich jetzt ein Ventil für diese angestaute Lust?

Ich will meinen Mann nicht betrügen. Ich will nur mal schauen, was so geht. Also klicke ich mich hoffnungsvoll und aufgeregt durch die Weiten des World Wide Web und finde verschiedene Foren und Plattformen. Es macht mir Spaß, mich mit Fremden über Erfahrungen auszutauschen, einen anonymen Account anzulegen, heiße Fotos von mir in mein Profil hochzuladen, meine sexuellen Vorlieben schonungslos anzugeben und mein geheimes, verruchtes Ich auf einer einschlägigen Plattform zu präsentieren. Mein neues secret dirty life, yeah! Mein Mann schaut Fußball und liest seinen Geschichtsroman. Sorry, ich hab‘ halt keine anständigen Hobbys!

Parallel versuche ich immer wieder, mit meinem Mann über unser Sexleben zu sprechen und ihn zu motivieren, etwas zu ändern. Ich bemühe mich, ihm mein Verlangen zu zeigen, ohne ihn zu überfordern. Ich bitte ihn lediglich darum, dem Thema Sexualität mehr Zeit und Energie einzuräumen. Leider ist trotz diverser Gespräche und Versuche meinerseits Sex nicht auf seiner Prioritätenliste. Schade. Ich flüchte wieder ins Internet.

Auch online muss man erst ein paar Frösche küssen, bevor man seinen Prinzen findet. So treffe ich zunächst auf einige Männer, die ich schnell wieder loswerden will. Wer alterstechnisch mein Vater sein könnte, aber nicht halb so gut aussieht wie mein echter Vater, ist leider raus. Sich ein bisschen ausdrücken können sollte er auch. Ein anderer meint nach zwei ausgetauschten Nachrichten gleich: „Wir treffen uns bei mir. Mail mir mal deine Handynummer, du kannst mir vertrauen!“ und wird dann sauer, als meine Antwort „Nein“ ist. Das geht gar nicht. Krönung aller Anfragen war die Bitte, mit meinen Ausscheidungen einen Kuchen zu backen und diesen Portionsweise an den Herrn zu verschicken… äääääh, nein!

Manche wirken anfangs interessant, wollen mich in ihre Welt aus Fetisch und Dominanz entführen, werden aber gleich so besitzergreifend, dass es mir schnell zu anstrengend wird. Einer mailt mir tatsächlich einen Katalog aus 20 Regeln, die ich befolgen soll und ist beleidigt, wenn ich mich nicht innerhalb von zwei Stunden bei ihm zurückmelde.

Wenn man „den Richtigen“ gefunden hat, kann man aber auch online dieses Spielchen aus Dominanz und Unterwerfung wunderbar spielen. Fast all inklusive, nur halt mit ohne anfassen!

Bei einer meiner Online-Bekanntschaften habe ich das Gefühl, die Nadel im Heuhaufen gefunden zu haben. Wow, der gefällt mir! Dunkle Haare, sportliche Statur, wirkt männlich und trotzdem irgendwie sanft. Ich mag es, wie er schreibt, sehr ehrlich und natürlich, und seine Neigungen passen zu mir… Der ist doch zu gut, um wahr zu sein, oder?

Erst will er sich nicht so recht auf mich einlassen, da ich ihm beichte, dass ich verheiratet bin. Das scheint ihn echt zu stören. Er selbst ist Single. „Du gefällst mir sehr. Wenn du nicht verheiratet wärst, wäre ich mit meinen Fesseln im Gepäck schon auf dem Weg zu dir“ schreibt er. Tatsächlich habe ich unter den ganzen Notgeilen einen gefunden, der bestimmte moralische Vorstellungen hat und die Ehe als etwas Heiliges sieht. Aber ich reize ihn und lasse nicht locker, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Wir steigen um von der Internetplattform auf eine Messenger-App, tauschen Fotos von sämtlichen Körperteilen aus und schreiben uns nächtelang. Er trifft bei mir ins Schwarze und beschreibt genau die Dinge, die ich jetzt so dringend brauchen könnte. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. Ich glaube, er weiß genau, wie die Sache funktioniert, nicht nur in der Theorie.

„Dein freches Grinsen treibe ich Dir schon noch aus“ quittiert er meine Versuche, mich vor ihm cool und überlegen zu geben. Er befragt mich zu Vorlieben, Erfahrungen und Tabus. Allein diese Dialoge sind schon sehr aufregend.

„Ich will, dass du mir jetzt einen bläst! Ich wüsste zu gerne, ob du das kannst“ kommt von ihm aus heiterem Himmel. Unruhig rutsche ich auf dem Sofa hin und her und lese seine Nachrichten. „Du stehst vor mir und ich drück dich nach unten auf die Knie…“ Seine Worte machen mich unglaublich heiß. „Bestimmt bist du schon wieder ganz feucht!“ Ich will mich sofort zu ihm beamen! „Beschreib mir, wie du meinen Schwanz verwöhnst,“ fordert er mich auf. Wir schreiben nicht im Konjunktiv, sondern als ob es tatsächlich in diesem Moment passiert. Ich kann es fast spüren. Er hält mich an meinen Haaren fest, dreht mich um, schlägt mir auf den Hintern, ich liege entblößt und wehrlos vor ihm… “Mal sehen, welches deiner Löcher ich zuerst nehme.“ Es ist unglaublich intensiv, dabei sitze ich doch nur da mit meinem Handy in der Hand. Innerlich bebe ich. „Wenn Du willst, dass ich Dich ficke, dann bettel gefälligst darum!“ weist er mich an. Das Verlangen, ihn wirklich zu spüren ist kaum auszuhalten.

Ich soll ihn um Erlaubnis bitten, bevor ich es mir dabei selbst mache. I like it! Ich sitze im heimischen Wohnzimmer. „Bloß leise sein….sonst wird es peinlich,“ denke ich.  Meine Hand wandert in meine Hose, während ich gebannt auf das Handydisplay schaue und lese, was er jetzt alles mit mir anstellt. „Hallo, noch da? Bist du etwa schon gekommen? Du gierige Schlampe!“

Als das Spiel vorbei ist, fragt er mich, ob es so gut war und ob seine Wortwahl für mich gepasst hat. Ein versauter Gentleman − grandiose Mischung. Dieses Einfühlungsvermögen in Kombination mit seiner dominanten Seite lässt mich immer mehr schwach werden.

Eine besondere Session haben wir, als ich alleine in der fast leergeräumten Wohnung meiner Freundin bin, in der sich nur noch ein Tisch, eine Couch und eine Pole-Stange befanden – perfekte Kulisse für ein paar schmutzige Bilder. Ich habe mich in High Heels, sexy Wäsche und Nylons geworfen und schicke ihm Fotos in unterschiedlichen Posen. Mittlerweile weiß ich ganz gut, was ihm gefällt. Und ich merke, dass ich ihm auch als Gesamtpaket gefalle, genau wie er mir. Obwohl die Frage offen bleibt, inwiefern man das wirklich beurteilen kann, wenn man jemandem noch nie real begegnet ist… Er gibt mir Anweisungen, was ich als nächstes ausziehen soll, und ich soll Fotos als Beweis schicken. Nicht alle seine Anweisungen behagen mir, aber ich tu, was er sagt − gerade das macht einen Teil des Reizes bei diesem Spiel aus. Mein Gesicht ist auf den Bildern nie zu sehen, trotzdem habe ich Angst, solche Bilder jemand fremdem zu schicken. Aber er ist mir ja gar nicht mehr fremd, ich mag ihn und ich wäre jetzt so gerne bei ihm. Und sowieso ist die Lust ist in diesem Moment stärker als alle Ängste und Befürchtungen. Meine letzten Orgasmen hatte ich alle mit ihm. Wenn man „mit ihm“ überhaupt sagen kann, wenn er währenddessen knapp 300 km von mir entfernt ist. Ab sofort geht er mir gar nicht mehr aus dem Kopf.

Wie können wir jetzt dieses Erlebnis noch steigern? Es läuft auf ein Treffen hinaus.

Nach meinen anfänglichen starken Bedenken, dass so ein Treffen mit einer Online-Bekanntschaft viel zu riskant ist, überwiegt immer mehr der Reiz. Und meine Vorstellung von Treue verändert sich. Ich will weiterhin mein Leben mit meinem Mann verbringen, auch wenn ich mir zwischendurch mal einen kleinen Ausflug gönne. Auch bei meinem Gegenüber verändert sich die vorher so hochgehaltene Moral und Einstellung zur ach so heiligen Ehe. Er versucht nicht, mich zu einem Treffen zu überreden, will es mir aber schmackhaft machen. Er schreibt „Ich will doch nur ein bisschen deine Muschi verwöhnen und dich mit ein paar Blessuren am Hintern wieder nach Hause schicken.“ Mhmm, zu verlockend!

Als das Thema Treffen greifbarer wird, stelle ich mit Schrecken fest, dass mein Kleiderschrank für ein erotisches Date absolut nichts hergibt. Kleider für die Businessfrau, weite Oberteile, die auch in der Schwangerschaft noch passen… aber sexy Fummel? − Fehlanzeige! Ich bestelle mir ein enges Kleid mit schwarzer Spitze. Dazu passen ein paar nuttige High Heels, die mir zum Glück meine Freundin ausleiht. In meiner schwarzen Spitzenunterwäsche und den halterlosen Strümpfen fühle ich mich wohl, der Slip bringt meinen Po gut zur Geltung. Ich stelle mir vor, wie ich so vor ihm stehe. Anfangs wäre ich total aufgeregt und schüchtern, doch dann würde ich ihn reizen und provozieren, bis er nicht mehr an sich halten kann…

Keine Ahnung, ob wir uns wirklich treffen, ob ich mich traue es durchzuziehen, aber wenn, dann bin ich vorbereitet! Und es macht Spaß nach Jahren mal wieder die sexy-verruchte Seite an mir zu aktivieren und rauszuputzen.

Währenddessen brodelt in mir das schlechte Gewissen meinem Mann gegenüber. Ich war immer treu. Dass ich meine intimsten Gedanken mit einem anderen Mann teile und ihm Fotos von meinem Körper schicke, geht eigentlich schon viel zu weit. Mein Mann wäre endlos enttäuscht von diesem emotionalen Betrug und würde mich dafür verurteilen, ganz zu schweigen von einem realen Seitensprung.

Aber die Sehnsucht nach dem, was ich mit ihm, dem Traum meiner schlaflosen Nächte, erleben könnte, wird immer größer. Ich brauch das jetzt. Für mich. Nur ein bisschen Spaß. Scheiss auf morgen! Ausnahmsweise mal wieder was Verrücktes machen. Wäre es wirklich schädlich für meine Ehe, wenn ich einmal zu ihm fahre und mir mal so richtig den Arsch versohlen lasse? Danach bin ich bestimmt viel entspannter und ausgeglichener und kann eine bessere Ehefrau sein… haha… So versuche ich es mir schönzureden. Ich frage mich täglich, was ich tun soll: Lasse ich die Vernunft oder das Verlangen siegen? Ich kann das meinem Mann und meinem Gewissen nicht antun. Auf der anderen Seite: Man lebt nur einmal, und unterdrückte Sehnsüchte sind ungesund. Das Ganze zerreißt mich noch!

Der schöne, fremde Mann aus dem Internet entscheidet das für mich. Nach langem Hin und Her und Gefühlschaos auf beiden Seiten bricht er unseren Kontakt ab. Es sei nicht gut für meine Ehe, er könne das nicht verantworten, ist sein Argument. Ich würde damit sicher nicht klar kommen im Nachhinein, meint er. Danke für die Fürsorge! Ich sehe da aber noch einen anderen Grund: Er sucht was Echtes, was Richtiges, Wirkliches. Keine untervögelte Ehefrau, die zwar zu allen Schandtaten mit ihm bereit und auch ein bisschen in ihn verliebt ist, aber dann doch schnell wieder zurück in ihr heimisches, sicheres Nest will. Er sucht eine, die bei ihm bleibt, die nach einer aufregenden wilden Anfangszeit vielleicht die Frau ist, die jeden Tag neben ihm aufwachen wird. Und er weiß, die kann ich nicht sein.

Vielleicht in einem Paralleluniversum. Dort sind wir bestimmt ein Traumpaar. Schöner, fremder Mann aus dem Internet, ich träum’ noch eine Weile von Dir!

Text: Joy

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Das Lvstprinzip lebt von den vielen verschiedenen Perspektiven zum Thema Sexualität. Hier teilt ein Gastautor seine Perspektive mit uns.

4 Kommentare

  • Antworten Januar 16, 2018

    Martin

    Vielen Dank fürs Teilen, du bist nicht allein mit solchem Kopfkino

  • Antworten Januar 17, 2018

    Christian

    Die Geschichte berührt einen schon sehr…
    Danke für das miteinander teilen

  • Antworten Januar 17, 2018

    V

    Es geht mir sehr ähnlich – meine Mutter starb auch kürzlich und dann fingen diese Gedanken an. Noch weiß ich nicht, wie es ausgeht.
    Danke für Deine Geschichte!

  • Antworten Januar 28, 2018

    50hz

    Toller berührender Text. Und dann denke ich doch: „Puuuh, was tun wir uns mit dieser ganzen Monogamie nur an.“

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