8 Dinge, die ich als Gründerin von Deutschlands größtem Sexblog über das Leben gelernt habe

Heute vor drei Jahren saß ich wegen Gründen, äh, Ostern in meinem Kinderzimmer und ließ das süße kleine Lvstprinzip mit „Sex mit artgerechter Menschenhaltung“ auf die Welt los. Seitdem sind viele witzige Dinge passiert.

1. Liebe ist alles Anfang 2015 hatte ich gerade einen Job gekündigt, der mich zu Tode deprimierte, obwohl Millionen Mädchen für ihn töten würden. Ich wusste, dass meine Sicht von Sexualität nicht die der Zeitschrift war, für die ich gearbeitet hatte, und wurschtelte mich mit Reisejournalismus und Copywriting für eine Kosmetikfirma durch, als ich von einer noch viel größeren Kosmetikfirma geheadhuntet wurde. Manche Spiele spiele ich mit, um zu sehen wie weit ich sie treiben kann, und irgendwie machte mir das konspirativ-diskrete Getue zwischen Hotelbars, Conference-Call-Geschleime und Gehaltspoker auch ziemlichen Spaß. Ich sah mich schon in teuren schwarzen Klamotten in Düsseldorf sitzen und immer zynischer werden, dachte mir „maximal ein Jahr“ und plante die Reisen, die ich von all dem Schminke-Geld kaufen würde. „Wenn ich diesen Job wirklich annehme, muss ich im Tierheim aushelfen gehen oder so“ sagte ich nach der letzten Telko zu meiner Mutter, und im Call „natürlich“, als ich gefragt wurde, ob ich all meine anderen Projekte für diesen Job aufgeben würde, denn: „Für diese Summe will der Kunde Sie schon ganz!“ Natürlich. An dieser Stelle noch mal ein High Five an die Personalerin, die sich trotz Topqualifikation gegen mich entschied, mit der Begründung, ich hätte einfach zu viel eigene Persönlichkeit für diesen Job und würde mich wahrscheinlich bald langweilen. Einen Monat später habe ich Lvstprinzip gelauncht, das mir in weniger als drei Wochen zum ersten Mal meine andalusischen Frühstückspancakes bezahlt hat. Seitd diesem Tag habe ich nicht mehr über Kosmetik geschrieben. Als Sexbloggerin sieht man überall Perversionen, als Kosmetik-Copywriterin Hautunreinheiten. Ich mag meine Perverslinge einfach lieber.

2. Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit – danach ging das alles relativ schnell mit uns. Ich hatte Lvstprinzip gegründet, weil es den Sexblog, den ich selbst gerne lesen würde, im deutschsprachigen Raum nicht gab. Es stellte sich heraus, dass den auch noch ein paar andere Menschen gern lesen würden. Also habe ich, Kind-im-Süßigkeitenladen-Style, mal so ziemlich alles ausprobiert, was sich daraus an Quatschideen ergeben hat. Von interkontinental youtubender Sextoy-Unboxingfee über eine ziemlich legendäre Sexparty einem Riesenfoto auf einer Doppelseite ZEIT hin zur bis heute ungeschlagenen Berufsbezeichnung „Taschenmuschi Brand Ambassador“, mit der sich fast nur „Fairtradepornoguide-Autorin“ messen kann, war ich ganz guter Entrepreneur, der von der Klippe springt und sich auf dem Weg nach unten überlegt, wie man denn einen Fallschirm bauen könnte. Das war so lange höher, schneller, weiter und geiler, bis ich so müde und krank war, dass ich nur noch in einer Hängematte arbeiten konnte (sah aber gut aus auf Instagram). Meine Hausärztin so: Kind, du musst eine Woche durchschlafen. Ich bin niemand, der Dinge bereut, aber das mit dem Schlafen versuche ich seitdem zumindest mal ein bisschen öfter.

3. Neinsagen fetzt – Zu Projekten. Zu Geld. Zu RTL2-Anfragen. Und natürlich zu Sex, der sich nicht richtig anfühlt. Nichts gibt mehr Vertrauen als ein klug formuliertes, gut angenommenes „Nein“. Nein, ich kann nicht mehr über hormonelle Verhütung schreiben, hinter der ich selbst nicht mehr stehen kann. Nein, wenn ihr meinen Artikel so umschreiben wollt, dann eben nicht mehr mit meinem Namen darunter, weil das ist ja dann nicht mehr mein Text. Nein, ich möchte nicht mit meinem Partner im Bett dabei gefilmt werden, wie wir über Sextoys „reden“, dankesehrlieb. Ich habe schon sehr viel Geld nicht verdient, und mir sehr viel Sex gespart, der mich nicht glücklich gemacht hätte. Es muss dieses Authentizidingsda sein, was für uns Influencer ja angeblich so wichtig sein soll.

4. A propros Influencer: Ich wäre wegen Mathe fast durchs Abitur geflogen und habe mir seitdem vorgenommen, dass Zahlen in meinem Leben keine besonders große Rolle spielen dürfen. Dass Lvstprinzip inzwischen der größte deutschsprachige Sexblog ist, freut mich natürlich trotzdem. Im großen ganzen Internet-Penisvergleich heiße ich natürlich noch immer Mikro-Influencer. Aber vielleicht ist so ein Mikro-Influencer ja wirklich wie ein Mikropenis und kann mit der richtigen Technik trotzdem auch richtig viel bewirken. Im Nachklang meines Pille-absetz-Artikels haben mir sechs Frauen geschrieben, dass sie nach dem Lesen jetzt auch die Pille abgesetzt haben. Sechs Frauen, die jetzt hoffentlich bessere Orgasmen haben und wissen wie das echte Leben schmeckt. Diese Zahl macht mich stolzer als Instagram-Detoxtee-Verkaufszahlen es jemals könnten.

5. Ja-sagen ist gut – Zum Leben, zum Sex, zu neuen Herausforderungen. Ich tue eine ganze Menge Dinge, bei denen ich mir immer wieder vor Angst ein kleines bisschen selbst in den Mund kotzen möchte. Auf internationalen Konferenzen sprechen, Großkonzerne beraten, wie sie das Thema Sex ein kleines bisschen klüger angehen könnten, Liveradiointerviews geben, meine nicht besonders geradlinige Lebensgeschichte in ein echt ehrliches Buch schreiben. Letzteres fühlt sich so an wie eine Folge Homeland, in der man gleichzeitig sadistischer Regisseur und ugly-crying Carrie ist – so ein Kontrollverlust irgendwo zwischen NEIN GEH DA NICHT REIN DA SIND TERRORISTEN und „stell dich nicht so an, Mädchen, du weißt dass es sein muss.“ Meine Angst ist ein ziemlich guter Wegweiser für die Dinge, die sich lohnen könnten.

6. Die Realität ist kein Song, Habibi – Dieser komische Beruf, den ich mir da ausgedacht habe, ist eine konsequente und knallharte Auseinandersetzung mit mir selbst. Intimität, Nähe, Distanz, hallo, ihr schon wieder! Jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte die ganze komplizierte Sex-Angelegenheit endlich verstanden, passiert irgendwas komisches neues, was meine ganze Perspektive verändert. Ja, das ist arsch-anstrengend und meine besten Freundinnen bekommen Sprachnachrichten in denen ich sie darum bitte, doch endlich mal auch ein bisschen weniger fühlen zu müssen. Und dann denke ich wieder an Düsseldorf, das Tierheim und die schwarzen Designerklamotten und mir fällt ein, dass ich nicht bezahlt werde, obwohl ich fühle, sondern gerade deswegen. Mein nicht-funktionieren hat System, weil ich euer emotionales Nacktmodell sein darf. Für euch sortieren darf, was zum Glück niemand von uns jemals ganz verstehen können wird.

7. The people make the place Ich habe neulich in einem Portrait über Zadie Smith in der britischen Elle einen Satz gelesen, der über den ich lange nachgedacht habe: You feel like you know her but also as though she knows you. Genau dieses Gefühl gebt ihr mir. Vertrauensvorschuss, Offenheit, Intimität. Jedes einzelne Mal, wenn wir uns ein kleines Bisschen offenbaren, jedes Mal, wenn mir jemand etwas erzählt was davor noch nie ein anderer wusste, und jedes Mal, wenn mir selbst etwas ganz Neues klar wird.
Ich verstehe diese Dynamik selbst oft nicht, aber ich glaube sehr fest daran, dass das was Gutes ist. Am Anfang habe ich Lvstprinzip vor allem für mich selbst geschrieben. Inzwischen kommen sehr oft Menschen zu mir und sagen, ich hätte ihren Bezug zu Sexualität verändert. Klicks, Fame und Fuffis im Club nehm ich mit Handkuss, aber das einzige was mich am Ende des Tages so wirklich-wirklich interessiert, ist diese sexy Ehrlichkeit zwischen uns. Die ist genau das, was wir in dieser ganzen #metoo Debatte so wahnsinnig dringend brauchen. Es gibt keine bessere Zeit um über Sex zu reden und zu schreiben als genau jetzt.

8. Wie heißt das Zauberwort? Danke! Danke dass du mitliest, mitkommentierst, mitfieberst, mitschreibst und mitstreitest. Lvstprinzip lebt von der Vielfalt der Perspektiven und zusammen machen wir die Welt so viel mehrdimensionaler und spannender. Schön dich zu sehen. Hendricks Tonic? Gut siehst du aus. Bleib doch noch ein bisschen. Wir haben gerade erst angefangen.

Und weil Dankesagen noch besser mit Geschenk funktioniert, verlosen wir bis ein Lvstprinzip-Liebespaket mit den schönsten PR-Samples, die sich in meinem Sexbloggerschrank angesammelt haben. Schreib einfach bis 6. April in den Kommentaren, was Lvstprinzip dir bedeutet, was du gern in den nächsten drei Jahren auf Lvstprinzip lesen würdest oder wie schön meine Sommersprossen sind, oder so. Teilnahmeberechtigt sind wie immer alle ab 18 aus Deutschland und Österreich, die diesen Sex genau so gern mögen wie ich.

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

3 Kommentare

  • Antworten April 3, 2018

    advocatus angeli

    liebe theresa, ich mag „lvstprinzip“, weil er klug, lustvoll und voller humor ist. ok. noch viel mehr aber, weil lvstprinzip ein menschenbild vertritt, in dem der mensch (also frauen und männer) in seiner ganzheit wertgeschätzt wird, wo macho/softie wie hure/hexe/heilige weder schimpfwörter noch sich ausschliessende widersprüche, sondern schattierungen der gleichen individuen sind. wo uns im sex wie sonst auch fehler, misstritte und glanzmomente gelingen, ohne dass gleich das moralische firmament über uns zusammenbricht (weil gott – so es sie denn gibt – die gabe des gütigen lächelns besitz), wenn wir immer wieder mit ehrlichkeit dorthin gehen wo es weh tut (bzw es immer wieder versuchen, auch nach dem elfundneunzigsten scheitern).
    ich erlebe das als eigentliche ethische haltung mit – ja, ich sage das als katholischer theologe – durchaus spiritueller dimension.

    ps: schade, dass wir schweizer vom „gewinnspiel“ ausgeschlossen sind 😉

  • Antworten April 3, 2018

    anja

    also auf sommersprossen steh ich total und auf menschen, die was ausprobieren, die sich was trauen, die offen sind, die einen mitnehmen. ich werd hier gern mitgenommen. das gute ist ja eh: wenn man einmal anfängt über sex zu sprechen, sprechen die meisten ziemlich erleichtert mit. also: hut ab, vorm anfangen und auf ein langes, spaßbringendes weitermachen. und danke.

  • Antworten April 4, 2018

    Miri

    Liebe Theresa,
    auch mich hat dein Text über das Absetzen der Pille damals nachdenklich gemacht. Und inzwischen bin ich deiner Devise gefolgt. Über die Auswirkungen kann ich nach 2 Monaten sagen, dass sich mein Körper einfach überempfindlich. Aber das ist wahrscheinlich einfach, weil ich es die letzten 15 Jahre anders gewohnt war. Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt…
    Vielen Dank für deine stets offenen Worte und den Austausch unterhalb der Gürtellinie 🙂
    Liebe Grüße
    Miri

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