Ein Gentleman genießt und schweigt? Ein Text von Martin

Warum sind die Tantra- Yoga- Bondage- und Selbsterfahrungskurse dieser Welt eigentlich überfüllt mit Frauen, und wo sind die Männer? Versuch einer Annäherung. Von Martin.

Berlin 1995. Ich gehe zum Yoga beim Hochschulsport. Nach Jahren des
leistungsorientierten Langstreckenlaufs sehne ich mich nach etwas Anderem. Ich
möchte körperlich was tun, aber ohne den Stress des ständigen Stärkevergleichs.
Also zum Yoga, denn Meditation interessiert mich auch irgendwie, wenn auch
amorph und unklar. Woran ich mich heute noch erinnere, ist die Tatsache, dass ich
der einzige Mann war. Mit einem Schlag kenne ich zehn Frauen, zu denen ich noch
dazu einen guten Draht habe. Das ist mir auf einer WG-Party so noch nie passiert.

Yoga rocks!

Berlin 2016. Cacao-Ritual mit Körperarbeit. Verhältnis Frauen zu Männern 2:1.
Eine Woche später biete ich ein Cacao-Ritual in Karlsruhe an. Das
Geschlechterverhältnis liegt hier bei erschreckenden 4 zu 1.
Geil, möchte Mann denken. Nichts wie hin in die Selbsterfahrungsseminare, auf
zum Tantra, endlich Yoga. Also, zunächst mal: ja, das stimmt. Nicht nur, dass ich
hier viel mehr interessante und spannende Frauen treffe als im alltäglichen,
normativen Leben. Es ist auch sehr entspannend, sich in Räumen aufzuhalten, die
zur Abwechslung mal nicht männlich dominiert und konnotiert sind. Irgendwie
unangestrengter, scheint es mir.

 

Ich frage mich, warum es Männern auch 2016 noch so schwer zu fallen scheint, aus
der „Man-Box“ herauszukommen. Aktivitäten, die sich um das Erforschen des eigenen Innenlebens drehen, bei denen es um Echtheit und auch um körperliche Übungen geht, vielleicht auch irgendwas mit Emotionen, sind wenig gefragt. Es fällt uns offensichtlich schwer, dorthin zu gehen, wo wir das traditionelle Männerbild von schneller, höher, weiter, kräftiger und so weiter verlassen.

Gleichzeitig nehme ich auf der Seite der Frauen eine deutliche Sehnsucht wahr, etwas Anderes zu erleben, als das, was der Mainstream im Bereich Körperarbeit, Sexualität und Selbsterfahrung anbietet. Diese Beobachtungen haben vermutlich mit den überkommenen Gender-Rollen zu tun.

 

Wenn ich als Mann Yoga und Tantra mache, dann ist das außerhalb der sehr
kleinen und progressiven Szene noch immer merkwürdig und ungewöhnlich. Sich
mit anderen Menschen als der eng definierten „Partnerin“ zu berühren, körperlich
wie geistig, gilt auch heutzutage noch weitgehend als bemerkenswert bis ziemlich
schräg.
Meine Vermutung ist, dass sich Männer in den traditionellen Strukturen
und Rollen ganz gut eingerichtet haben und generell weniger Veränderungsdruck
haben als Frauen.
Während Frauen sich ihrer unbefriedigenden Lage oft sehr
bewusst sind, drücken Männer diese Einsicht weg. Mit Sport oder Alkohol oder
beidem, Methoden, die den Vorteil der kompletten sozialen Akzeptanz haben. Der
Konfliktexperte Marshall Rosenberg spricht in diesem Zusammenhang von
„emotionalen Analphabeten“.

Und was hat das jetzt mit Sex zu tun?


Sex wird da spannend und intim, wo wir uns öffnen zu etwas Neuem hin. An der
Stelle, an der ich meine Schublade verlasse, meine Konstruktion auflöse und
tatsächlich auch innerlich nackig werde, da beginnt Sex, richtig intensiv zu werden.

Das ist aber kaum möglich, solange ich mich innerhalb des erlernten sexuellen
Programms bewege. Ich habe da eine gewisse körperliche Befriedigung, aber
tatsächlich persönlich erreicht und berührt werde ich nicht. Meine Vermutung ist,
dass wir, solange wir in den Gender-Rollen festsitzen, auch nur innerhalb dieser
Rollen zur Begegnung kommen. Alles, was jenseits davon liegt, bleibt unberührt.
Und das Dramatische ist: der eigentliche Kern des Menschen liegt jenseits der
Rollen.

Wir entscheiden uns für Sicherheit auf Kosten der Intensität. Wir wollen
uns nicht auflösen aus Angst, uns zu verlieren.

 

Diese Angst ist bei Männern oft größer als bei Frauen, denn sie haben, gesellschaftlich betrachtet, mehr zu verlieren.
Die Paartherapeutin Dr Sue Johnson schreibt in ihrem letzten Artikel: “All the new
evidence is that women are more sensitive to relational context – safety – and so for
them desire often follows arousal (versus the classic model of sexuality where
desire comes first).”

Ob die Studien da in die richtige Richtung weisen, mag ich nicht entscheiden, doch
eines ist klar: Die Beziehung ist für die Qualität des Sex in jedem Fall von
entscheidender Bedeutung. Das eigene Instrumentarium hier zu erweitern, zu
trainieren und sich mehr Bewusstheit zu holen, unterstützt Männer ganz genauso
wie Frauen.
Man möchte den Männern also zurufen: habt mehr Mut! All diese
Arbeit ist letztlich Beziehungsarbeit, körperlich verpackt.

Ich setze jetzt noch einen drauf mit einem Zitat des Physikers Prof. Hans-Peter Dürr: „Die Vorstellung, dass die Gestalt fundamentaler sei als die Materie, macht
uns erhebliche Schwierigkeiten, weil wir Gestalt und Form in unserer Lebenswelt
eigentlich immer nur sekundär als Anordnung von Materie begreifen. Genau
betrachtet stimmt dies aber nicht. Jede Erfahrung und jedes Erlebnis ist zunächst
eine Beziehung, eine unaufgelöste Relation zwischen dem Beobachter und dem
Beobachteten.

Und jetzt schlage ich wieder ganz locker aus dem Handgelenk den Bogen zurück
zum Yoga, zum Tantra, zur Kontaktimprovisation und zum Bondage:
Nach meiner Erfahrung ist die rein intellektuelle Einsicht in die Konstruktionen
unserer Rollen und damit die Begrenztheit unserer Beziehungsmodelle ohne
besondere Konsequenz.

 

Es bedarf der körperlichen Erfahrung um sich mit den
Themen Druck-Gegendruck, Macht und Kraft, Öffnung und Begrenzung und den
vielen anderen Aspekten von Beziehung auseinanderzusetzen.

 

Körperliche Erfahrung verändert unserer Gehirne (vgl. die Forschung z.B. von Gerald Hüther).
Nirgends wird dies so deutlich wie im Sex. Am Ende des ersten Tages meines
ersten Tantra-Workshops in Indien (irgendwas mit Sufi und Tantra) haben die
Assistenten meine Partnerin und mich aus dem Raum werfen müssen („Wir
schließen jetzt!“). Das war beeindruckend, denn ich hatte mich selbst bis dahin eher
als intellektuellen, zurückhaltenden Menschen erlebt. Was da in wenigen Stunden
zutage getreten ist, hätte ich in jahrelanger kognitiver Auseinandersetzung nicht
erfahren können.

Also, meine lieben Co-Männer, traut Euch in die die Seminare, in denen es um
Körper, Emotionen und Sex geht. Die Suche nach einer neuen Art, in Beziehung zu
sein, betrifft uns alle. Außerdem bringt der Weg so richtig viel Spaß.

Falls du dich jetzt auch mal in neue Sphären vorwagen willst – Martin bietet auch Workshops an. Schau doch mal hier.

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

2 Kommentare

  • Antworten April 10, 2016

    Justus

    Hi, sehr interessanter Artikel, ich sehe jedoch Raum für Kritik:

    Ich finde, dass der Artikel den Alltag / die Freizeitgestaltung als viel sexualisierter darstellt, als dass ich das bei mir und dem Großteil meiner Single-Peers (mag in Nicht-Fernbeziehungen anders sein, erlebe ich selten) der Fall ist. Genauso wenig wie ich Zeit habe, mich in meiner Freizeit körperlichem Wett zu stellen (wie das der Autor in seinem Präyogalebensabschnitt anscheinend oft gemacht hat), finde ich die Zeit, so körperlich in mich zu gehen – weil ich sehr viel wert auf nichtsexualisierte Sozialisierung und Intellektuelle Herausforderungen (oder nichtintelektuelle Entspannung) stehe…

  • […] mir im Kopf alle Männer aufzählen, die ich kenne, die kein bisschen so sind. Das sind zum Glück wirklich einige, und für die ist Lvstprinzip […]

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