Flüchtlingswelle der Liebe – ein Text von XOXO Fakkel

Wir finden, es ist allerhöchste Zeit für diesen Text hier auf Lvstprinzip. Weil das Private eben doch politisch ist, weil eine Partei in den Bundestag einzieht, die denkt, dass Sextoys die Kernfamilie bedrohen und weil Liebe nun mal Liebe ist, und sonst nichts. Wir glauben nicht an Hass, und XOXO Fakkel auch nicht. Seine erotische Erzählung „Flüchtlingswelle der Liebe“ beschreibt er als relativ expliziten Text, der mit Klischees, Ressentiments und Tabus spielt und versucht, der (vor allem) medial vermittelte hysterische Stimmung auf dem Höhepunkt der damals so genannten „Flüchtlingsdebatte“ mit satirischen Mitteln beizukommen. Nicht dass es hinterher heißt, wir hätten euch nicht gewarnt. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Angst. Spread love like violence!

1
Herbst 2015

Frau Storch ist besorgt. Im Schwimmbad soll ein Flüchtling unzüchtig an sich herumgespielt
haben, bis jemand die Polizei rief und er, Schaum vor dem Mund, weggetragen wurde. Schon
seit Wochen überschlagen sich die Schlagzeilen: Flüchtlinge hier, Flüchtlinge da. Gesehen hat
sie noch keinen. Sollen sie doch kommen, denkt sie.

Ihren ersten Flüchtling trifft sie dann beim Arzt. Frau Storch sitzt im Wartezimmer und
blättert die Gala, da öffnet sich die Tür und der Flüchtling kommt rein. Er ist vollkommen
schwarz. Er hat eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, schwarze Augen und schwarze
Zähne. Er murmelt etwas Unverständliches und setzt sich. Frau Storch schießt das Blut in den
Kopf. Sie starrt auf die Zeitschrift. In ihrem Augenwinkel macht sich der Flüchtling lang. Er
sitzt da, als könnte er jeden Moment aufspringen und einen antanzen oder sonstwas. Frau
Storch liest den Artikel Zaubern mit Lauch mehrmals durch, ohne ein Wort zu verstehen.
Endlich wird ihr Name aufgerufen. Ohne den Blick zu heben, legt sie die Zeitschrift hin und
läuft aus dem Wartezimmer hinaus auf die Straße.

Aber es gibt kein Entrinnen, die Flüchtlingswelle ist überall. Im Bus, im Park, im Fernsehen.
Frau Storch geht einkaufen und sieht im Supermarkt den Flüchtling nach den Melonen
greifen. Der Flüchtling steht vor den Melonen und streckt beide Arme aus, mit allen zehn
Fingern greift er sich das Obst. Der Flüchtling hebt sich die Melone ins Gesicht. Der Flüchtling
saugt ihren Duft ein. Dann öffnet er seinen Mund und beginnt, sie zu lecken. Frau Storch
traut ihren Augen nicht. Ist das denn noch normal? Sie blickt sich um, aber niemand scheint
was zu merken. Der Flüchtling leckt die Melone ab, legt sie zurück und geht weiter. Frau
Storch steht wie angewurzelt im Gang. Ihr ist schwindelig. Wem soll sie denn sowas
erzählen? Über sowas spricht natürlich wieder niemand!!!

In dieser Nacht träumt Frau Storch das erste Mal von der Flüchtlingswelle. Sie erwacht in
ihrem Bett, ein blutroter Halbmond schielt zum offenen Fenster herein. Von draußen hört sie die Flüchtlingswelle kommen. Die Grenze ist offen. Die Grenze ist offen. Ein Murmeln aus
hundert Kehlen, ein Trampeln von hundert Füßen. Der beißende Geruch schwitziger Hoden.
Schwänze, die in Leinenhosen baumeln. Schwänze, die an Oberschenkel klatschen wie
heidnische Trommeln. Sie weiß, sie kommen wegen ihr. Sie wollen an ihren Christstollen.
Frau Storch erwacht mit einem kleinen Schrei. Sie liegt auf dem Bett, zerrupft wie ein Vogel.
Sie ist pitschnass. Ungläubig rafft sie ihre Nachthemd hoch und befühlt ihren Slip. So weit ist
es also schon gekommen. Das ganze Bett ist nass. Was soll denn noch passieren? Mit einem
Stöhnen lässt sie sich zurück ins Kissen sinken.

 

2
Am nächsten Tag putzt sie die Wohnung blank. Der Fernseher läuft, in einer endlosen
Prozession quillt der Flüchtlingsstrom die Autobahn entlang. Scheiß Hippies, denkt Frau
Storch. Soll das Land doch im Chaos versinken. Schimpfend kämpft sie sich mit ihren
Einkaufstüten durch die demonstrierende Menge. Schimpfend drängt sie sich in den
überfüllten Bus. Der Flüchtling ist natürlich auch schon da. Er hat seine muskulösen Arme
nach oben gereckt und hält sich an der Haltestange fest.

Kaum setzt sich der Bus in Bewegung, driftet Frau Storch, als hätte ein unglücklicher Strudel sie erfasst, durch die ruckelnde Menge direkt auf ihn zu. Der Kopf des Flüchtlings wippt über der Menschenmenge wie eine Boje. Auf seinem Rücken hat sich ein riesiger Schweißfleck gebildet.

Angstschweiß, denkt Frau Storch. Fluchtschweiß. Hilflos rudert sie mit ihren Einkaufstüten. Als der Bus miteinem Ruck hält, wird sie mit der Nase direkt auf den Flüchtling gedrückt. Sie versinkt in seinem dampfenden Rücken. Ihr wird schwarz vor Augen.

Soll sich Frau Storch etwa im Keller einschließen und die eingelegten Vorräte essen? Seit sie
denken kann, läuft sie jeden Tag ihre Spazierrunde, und plötzlich ist die alte Grundschule ein
Flüchtlingsheim. Soll Frau Storch etwa einen Bogen machen? Sie denkt nicht dran.

Frau Storch schaut der Realität ins Auge, von ihrer Bank aus hat sie eine gute Sicht. Den ganzen
Tag schreien die traumatisierten Kinder im Hof der Flüchtlingsunterkunft und kicken einen
platten Ball. Abends schwärmen die unförmig mit Stoff überhängten Frauen aus und treiben
die Kinder schreiend ins Haus. Wenn die Silhouetten in den Fenstern auftauchen und die Familien unter den Schreien der Väter ihr Abendessen verdrücken, zündet sich Frau Storch
eine Zigarette an. Sie weiß schon, was jetzt kommt.

Kaum sind die dreckigen Teller gewaschen, geht in den Fenstern das Licht aus und die
Männer drängen ihre Frauen unter Ohrfeigen zu ihren schäbigen Matratzen. Die Frauen
entkleiden sich und legen sich ergeben auf den Rücken. Leise wimmernd krallen sie sich in
die behaarten Rücken ihrer Männer und flüstern ihnen gut zu. Sie loben ihre vollen Bärte,
ihren entschlossenen Blick und die Kraft und Kunstfertigkeit ihrer Stöße, bis die Männer sich
aufbäumen wie eitle Pferde. Sie rollen kraftlos zur Seite, pupsen und schlafen ein. Die Frauen
schleichen sich auf den Flur hinaus, um sich das Sperma auszuwaschen. Vor der einzigen
Dusche des Heims bildet sich nachts eine lange Schlange, in der die Frauen flüsternd alles
Wichtige besprechen. Frau Storch lauscht angestrengt. Doch all das findet offenbar völlig
lautlos statt. Es ist stockdunkel geworden. Auch von Storch ist nur noch eine glühende
Zigarette zu sehen, die über der Parkbank schwebt und leise knistert.

3
Es ist unmöglich geworden, der Sache aus dem Weg zu gehen. Die Flüchtlinge gehen uns alle
was an, denkt Frau Storch. Frau Storch packt ein großes Handtuch und ein kleines Handtuch,
Duschlotion und Shampoo, ihren Badeanzug und einen guten Roman. Ihr Herz klopft wie ein
wilder Vogel, als sie das Schwimmbad betritt. Heiße Luft strömt ihr entgegen. Im hinteren
Teil der Halle erspäht sie gleich die Flüchtlinge, die im hüfthohen Wasser stehen und einen
bunten Ball werfen. Aha, denkt Frau Storch, dann wollen wir doch mal sehen. Sie läuft um
das Becken herum und breitet ihr Handtuch auf einer Liege aus. Die jungen Männer lachen
und spritzen sich nass. Das muss sie ja freuen mit dem vielen frischen Wasser, denkt Frau
Storch. Und wie schön das hier gemacht ist mit den Topfpalmen. Schaum vor dem Mund hat
keiner, soweit sie das sieht. Trotzdem, so geht es natürlich nicht.

– Hallo?

Frau Storch zeigt auf ihr Buch. Frau Storch hält sich den Finger vor den Mund. Sie lächelt
freundlich, sie erklärt es auch gerne:

– Wissen Sie, wir sind hier immer recht leise. Wir lesen lieber ein gutes Buch, als die ganze
Zeit Geräusche zu machen. Können Sie denn lesen?

Aber die Flüchtlinge streifen sie nur kurz mit dem Blick, während sie mit geübten Griffen eine
Pyramide bilden und sich lachend zurück ins Wasser werfen. Sie formen einen Kreis und
tauchen in einer komplizierten Choreografie untereinander durch, nur um prustend
aufzutauchen und sich einem fremdländischen Klopfspiel hinzugeben. Frau Storch baut sich
am Beckenrand auf und muss jetzt leider etwas laut werden. Weil so geht es natürlich nicht.
Die jungen Männer stehen in ihren engen, prall gefüllten Badeshorts im Wasser und schauen
verdattert zu ihr hoch. Wassertropfen glitzern in ihrem Brusthaar.

Als Frau Storch zu ihrer Liege zurückkehrt, glaubt sie, die bewundernde Blicke der Badegäste
auf sich zu spüren. Irgendwo klatscht jemand. Die Flüchtlinge stehen tuschelnd im Wasser.
Schließlich ziehen sie ab. Nicht ohne böse in ihre Richtung zu schauen. Nicht ohne dass einer
von ihnen, der Letzte, im Vorbeigehen einen Schluck Wasser vor ihre Füße spuckt und dann,
so schnell es der rutschige Boden erlaubt, lachend und schlitternd davonrennt. Da kennt er
Frau Storch natürlich schlecht.

Die milchgläserne Tür zittert noch, als Frau Storch sich dagegen stemmt und die
Männerdusche stürmt. Wasserdampf umfängt sie, für einen Moment ist sie blind. Die
Duschen brausen oder das Blut braust in ihrem Kopf. Frau Storch gleitet auf dem nassen
Boden aus, Frau Storch landet mit ihrem Arsch in einer lauwarmen Pfütze. Die Konturen der
Jungs tauchen, nackt stehen sie aufgereiht unter den Duschen. Sie blinzeln sie an, Schaum in
den Haaren. Dann brechen sie in Gelächter aus. Sie zeigen auf sie und rufen
Unverständliches, sie klatschen sich auf die Ärsche vor Lachen. Sie drehen sich um wie ein
dämonisches Schattenspiel. Frau Storch schließt die Augen. Irgendwann ziehen sie johlend
ab.
Nur einer bleibt. Er hat sich ein Handtuch um die Hüfte gewunden.

– Ist alles in Ordnung?, fragt er und hilft ihr auf. Er hat eine Stimme wie Mandelöl.
– Keine Sorge, sagt er. Ich bringe Sie nach Hause.

4
Die Flüchtlingswelle greift ihr unter die Arme und trägt sie davon. Sie trägt sie auf Händen
durch die Straßen, hinaus auf ein Feld vor den Toren der Stadt. Und dort – sagt man das so?

– fickt die Flüchtlingswelle Frau Storch dann so richtig durch. Frau Storch wird von Hundert
Händen gepackt. Frau Storch wird aus ihren Kleidern gepellt wie ein weiches Ei. Frau Storch
zappelt kopfüber splitternackt in der Luft. Zungen lecken ihr übers Gesicht. Brusthaar
verdunkelt die Sonne. Ein Schwanz wühlt sich in ihren faltigen Schoß wie die Schnauze eines
Tieres. Knurrend beschnuppert er sie. Frau Storch hält den Atem an.

Dort unten ist doch nichts! Dort unten liegt alles trocken und brach und verlassen und leer. Aber tief in Frau Storch beginnt sich etwas zu regen. Tief in Frau Storch schimmert eine verschüttete Quelle hervor, tastet sich Richtung Oberfläche, dem witternden Penis entgegen. Frau Storch ist wie gelähmt. Frau Storch stellt sich tot. Dann rastet mit einem leisen Klick die Sicherung aus. Mit einem gierigen Schrei saugt Frau Storch den Schwanz tief in sich hinein. Die Welle brüllt. Gischt spritzt. Frau Storch schwingt sich auf, verkrallt ihre Finger in drahtige Bärte. Frau Storch reitet die Welle mit pumpendem Becken. Ihr Haar weht. Sie lacht.

Frau Storch reißt die Arme empor, tausend Schwänze recken sich in den Himmel. Muskeln türmen sich auf wie Gewitterwolken. Es blitzt. Dann schlägt die Welle tosend über ihr zusammen. Frau Storch taucht. Frau Storch schwebt, gehoben von tausend Zungen und Fingern. Frau Storch ist leicht und schwer, heiß und kalt, hier und dort. Die Schwänze gehen in ihr ein und aus, die Schwänze gehen durch sie hindurch und über sie hinweg. Frau Storch ist eins mit der Welle.

Frau Storch ist das pumpende Herz der Qualle. Milch strömt aus ihren Brüsten, Milch strömt
ihr aus den Augen. Ihr Orgasmus rollt so langsam heran, dass sie gar nicht mehr aus ihm
herausfindet. Sie taucht und taucht. Sie kommt und geht und kommt und kommt. Und alles Feste wandelt sich in Flüssiges. Und alles explodiert.

Frau Storch liegt zerrupft auf dem Bett. Sie ist wieder pitschnass. Ungläubig befühlt sie ihren
Slip.

– Guten Morgen, möchten Sie Iihren Tee?, fragt der Flüchtling.

Er steht am Fußende des Bettes, das Handtuch hat er gegen Blue Jeans und ein adrettes,
fliederfarbenes Hemd getauscht. Auf seinem Namensschild steht Unverständliches. Er
lächelt, seine kräftigen Zähne strahlen in makellosem Weiß. Frau Storch lässt sich mit einem
Stöhnen zurück ins Kissen sinken.

Es ist früher Morgen, ein kleiner Vogel sitzt auf dem Fensterbrett und schimpft. Der
Flüchtling schiebt rumpelnd einen Servierwagen ins Zimmer. Er reicht Tee und Tabletten,
Frau Storch nimmt sie benommen entgegen.

Wie ihr nun wieder einfällt, befindet sie sich in einem Pflegeheim. Seit ihrem Malheur im Schwimmbad ist einige Zeit vergangen. Wie viel?

Sie weiß es nicht recht. Gestern hat Frau Storch zu lange die Oculus Rift aufgehabt und
konnte danach nur schlecht schlafen. Vor zwei Wochen hatte sie Geburtstag und der
Flüchtling hat sie mit einem Reibekuchen namens Basbusi überrascht, in dem eine
Wunderkerze steckte.

Seit etwa sieben Monaten näht sie lustlos an einer Patchworkdecke in schwarz, rot und ocker. Ihr Puls ist gut, der Stuhl stabil. Frau Storch ist, alles in allem, topfit.

– Wie geht es uns heute, Frau Storch?

Sie weiß es nicht recht. Sie befühlt ihren Kopf und findet, wie eine böse Ahnung, einen
Wachlappen auf ihrer Stirn.

– Was ist denn los?, fragt sie misstrauisch.

Der Flüchtling seufzt. Er nimmt die Fernbedienung vom Nachttisch und schaltet den
Fernseher ein. Frau Storch fährt alarmiert die Rückenlehne ihres Bettes hoch, im Fahren
greift sie nach ihrer Brille. Im Fernsehen sind verwackelte Handybilder zu sehen, jemand ruft
mehrmals: Holy shit!

Dann brennt der Reichstag. Der Reichstag brennt. Guter Gott. Ohne den Blick abzuwenden, tastet Frau Storch nach ihren Tabletten und findet die Hand des Flüchtlings, der sich zu ihr ans Bett gesetzt hat.

Erschrocken zieht sie die Hand zurück. Sie räuspert sich. Sie nimmt einen Schluck vom Tee. Er schmeckt nach Angst und Hoffnung, Anis und Fenchel und Kamille.

 

Text: XOXO Fakkel

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

 

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

Schreibe den ersten Kommentar