Fucking Disabled – ein Erfahrungsbericht über Sex und Behinderung von Anna Donderer

Da war ich plötzlich mittendrin. Grade noch Excel-Tabellen geöffnet, organisiert, wo der Musiker Filip demnächst schlafen kann und da kommt die SMS: „Komm gern rüber, wir fänden es toll, wenn du dabei bist. David“ Ok, also jetzt rüber in den Probenraum. Was macht die Produktion nochmal? Tantra/BDSM-Workshop, drei Tage lang. „Einen Tag nehm ich jetzt einfach mal frei“ ist mein Gedanke – in Wirklichkeit weiß ich schon jetzt, es werden drei werden.

Das ganze findet in der Probenphase zu der Theaterperformance „Fucking Disabled“ statt, bei der ich die Produktionsleitung mache. Also eigentlich den backoffice-Job. „Fucking Disabled“ dreht sich um Sex und Behinderung. Das Performer*innenteam besteht aus Danijel, dessen Bewegungen und Sprache durch eine Spastik geformt sind, Deva, die Tantralehrerin und Sexualbegleiterin auch für Menschen mit Behinderung ist, Lucy, einer Sängerin, die im Rollstuhl sitzt, und Pawel, dem professionellen Tänzer. Sex, besondere Körper – eigentlich genau mein Ding. Also rein da.

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Und da sitz ich schon – immer zwei sitzen sich gegenüber auf Stühlen mit Bastian, Danijel, David, Lucy und Pawel. Deva leitet die Zeremonie an. Sie erzählt von Atem, vom Berühren, vom „Nein“ – alle nicken mit den Köpfen, haben über das meiste schon gesprochen, Dinge ausprobiert. Ich nicke ein bisschen mit – das ist es jetzt also. Ich mitten drin.

Erstes Thema des Tages: Anfassen. Zuerst berührt die aktive Person die passive mit Blicken, dann mit einer Hand. Es wird im Speeddating-Format durchgewechselt und dann werden die Rollen getauscht. Nicht nur, dass man den ganzen Prozess von „Ach, das klingt doch banal! Ah stimmt, man kann auch mit Atem anfassen! Und krass, ja das macht nen totalen Unterschied, wie bewusst oder unbewusst eine Hand mich anfasst“ durchmacht: Das Thema Anfassen wird noch intensiver besprochen, wenn es darum geht, wie Lucy, die ihren Körper nicht groß bewegen kann, angefasst werden kann und will? Wie fest, an welchen Stellen und wohin soll das Bein nochmal? Wie oft fühlt sie sich (und ja wir kennen das alle auch selber) nur nett betätschelt – vielleicht  aus vorauseilender Vorsicht, aus Angst oder aus dem Versuch heraus, anständig zu sein.

Beinahe umgekehrt sind Daniels Bewegungen schnell, zuckend. Manchmal fest, manchmal flüchtig spüre ich seine Berührungen auf meinem Körper, als ich an Tag Zwei nackt auf einem Tisch liege und er und drei weitere mich mit den Gegenständen des Gabentischs „bearbeiten“: Federn, Holzstäbchen, Räucherwerk, heiße Steine, Peitschen, Perlenketten, Seile und allerhand Pflanzen aus der näheren Umgebung sind dort zu finden. Nach einiger Zeit schließe ich meine Augen, doch die Berührungsqualität jedes Einzelnen lässt mich erkennen, wer gerade bei mir steht. Sich an dem Tisch einen Gegenstand auszusuchen, ist das reinste Vergnügen. Verschworen schleichen Lucy und ich um die Tische. Während ich Pawels Zehen knete, ärgert sie ihn mit einem Holzstäbchen. Während ich mit der Perlenkette über Davids Haut streiche, sieht man wie sich die Härchen aufstellen.

Wir tauchen ab in pure Wahrnehmung. Das ganze „Draußen“, die Gedanken, die man im normalen Alltag zu jedem Blick mitführt, sind hier nicht vorhanden. Zu stark ist die Konzentration auf die einzelnen Körperstellen, auf die einzelnen Regungen, auf die einzigartigen Körper.  Man ist so mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen und dem eigenen Fühlen beschäftigt, dass sich die Körper um mich herum wie pure Körper anfühlen, nicht wie schönere oder perfektere oder bessere Körper. Das intensive Betrachten von Körperteilen im Einzelnen lässt deren jeweilige Skurrilität und Schönheit entdecken. Schönheitsideale werden irrelevant, je näher die Körper sind. Ich werde immer ruhiger und wacher. Danijel scheint es ähnlich zu gehen, bei ihm wird es sogar sichtbar: Seine abgehackten Bewegungen werden zusehends fließender.

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Tag Drei dreht sich ums Anschauen. Jede*r von uns erhebt sich einzeln aus dem Ritualstuhlkreis und hat die Länge eines Musikstücks Zeit sich in irgendeiner Form auszuziehen. Sich einfach nur ansehen zu lassen. Stundenlang sind wir in diesem Konzentrationskreis, zu jedem Strip könnte man noch viel länger nachdenken und sprechen.

Ach ja, ich wollte ja über Sex und Behinderung schreiben.

Klar, pragmatische Dinge wurden hier besprochen und Vorkehrungen getroffen. Tische zum darauf Liegen wurden rangeholt, für die richtige Höhe, so dass auch eine Rollstuhlfahrerin an die Körper ran kommt. Federn wurden genutzt, um eine Bewegungsruhe zu erzeugen. Ein Sarong, der durch eine kleine Bewegung Lucys Brust verführerisch zum Vorschein bringen kann. Und dann bleibt der ganze wunderbare, aufregende Rest.

Die Zeit verfliegt. Mein Körper prickelt flächendeckend. Es scheint mir, dass sich der eigene Blick auf meinen Körper von einer Außen- zur Innenwahrnehmung verschiebt. Wie sich eine innere Stärke dadurch einstellt, wie sich so auch mein Kopf umstellt, wie ich fühle die ganze Welt kann mir nix mehr antun. Wie schnell das geht. Und wie sehr ich will, dass das nicht mehr weggeht.
Am Abend im Bett mit der ganzen sexuellen Energie in mir überlege ich kurz ob ich meinen Vibrator zur Hand nehme. Lieber nicht, es fühlt sich zu gut an. Nur noch ein bisschen länger, ein bisschen mehr davon mitnehmen in den nächsten stinknormalen Tag.

Der Zustand verfliegt wieder merklich Tag für Tag. Jedesmal wenn ich in den kommenden Wochen den Probenraum betrete, spüre ich ihn in den anderen und er flammt wieder auf.

Nehmt euch auch was davon mit:

Fucking Disabled
Eine Theaterperformance über Lust, Schönheit und Begegnung jenseits der Norm

Premiere: Freitag, 2. Juni 2017, PATHOS Ateliers, München
Vorstellungen: Sa 3., Mo 19., Di 20., Mi 21. Juni, Beginn jeweils 20.30 Uhr

FUCKING_DISABLED_Trailer from SmickSmack on Vimeo.

FUCKING DISABLED ist eine kollektive poetische Stückentwicklung über Sex und Begehren unter der Regie von David von Westphalen. Der Cast: Eine wunderschöne Frau mit ungewöhnlichen Formen und verzaubernder Stimme. Ein Performer mit unkonventionellen Bewegungen und Artikulationen. Eine tantrische Sexarbeiterin. Und ein schöner, graziler Tänzer. Es geht um unverkrampften Genuss, überflüssige Tabus und die Freude an der sexuellen Freiheit. Darum, dass Sexualität mit Behinderung viel normaler ist, als Menschen ohne Behinderung meinen. Und dass die Lust neu erblüht, wenn das, was normal ist, nicht länger normal ist. Kein Drama, keine Figuren, auch kein dokumentarisches Theater; sondern ein sinnlicher Theaterabend, der von den Persönlichkeiten seiner Darstellerinnen und Darsteller getragen wird.

„Allerdings! Auch wir wollen Sex und haben Sex, was denkt denn Ihr?!“ reklamieren sie. Mit ihren eigenen Geschichten führen die vier die Gäste des Abends aus dem Dickicht der Vorurteile direkt ins Gebiet der Erotik. Sie nutzen die Performance um Wege zu ebnen, die es behinderten und nicht-behinderten Menschen erlauben könnten, auch in dieser Gesellschaft eine befreite Sexualität zu leben. „Auch wir sind begehrenswert und sexy!“ rufen sie. Aber wie findet man Gehör, wenn auch das Sprechen behindert wird? Wie kommt man zusammen, wenn der gewohnte Ablaufplan der Verführung oder das übliche Beuteschema sich als unbrauchbar erweisen?

Zu diesem Zwecke verschafft das Ensemble sich und seinem Publikum einen geschützten Denk- und Wahrnehmungsraum, in dem Zärtlichkeit und Anziehung möglich werden. Hierin offenbart sich in unverblümter Schönheit, wie wohltuend es ist, sich nicht von den vorgeschriebenen Pfaden der Erotik einschränken zu lassen. Die hybride Mischform aus Poesie, Musiktheater, Performance, Szenen und Essay erlaubt es, all das jederzeit neu zu denken, zu fühlen und zu erleben.

PATHOS Ateliers. Dachauer Str. 112. 80636 München.
Tickets: 17 Euro, 10 Euro ermäßigt. Telefon: 0152 05 43 56 09. Online-Reservierung: ticket@pathosmuenchen.de oder ab 1 Stunde vor Vorstellungsbeginn an der Abendkasse

Text: Anna Doderer

Titelbild: Frida Castelli

Szenenbilder: Volker Derlath

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

Ein Kommentar

  • Antworten Mai 30, 2017

    Handschlag

    Das ist ganz wunderbar geschrieben. Es macht nicht nur neugierig sondern entfacht Lust und Sehnsüchte. Jammerschade das München so weit weg ist, ich hätte das Stück sicher sehr genossen.

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