Geographische Polygamie – ein Text von Maria

Ich sitze am Flughafen in Bukarest und warte auf meinen Flieger nach Hause. Ich frage mich, was das eigentlich noch ist. ‚Home is where you heart is!‘ schreit mich das Plakat im Wartebereich an. Praktischerweise hat die darauf beworbene Pralinenschachtel gleich eine Herzform. Wie günstig. Wenn ich mir überlege, dass ich 9€ später im Besitz eines solchen Pralinenherzens sein könnte und mir binnen weniger Minuten ein neues Heim in Rumänien geschaffen hätte, bin ich beeindruckt von den Möglichkeiten unserer Zeit.

Ich kaufe die Schachtel nicht. Stattdessen überlege ich, was „Zuhause“ in dieser Phase meines Lebens eigentlich bedeutet. Theresa und ich sind dieser Tage viel unterwegs. Mal zusammen, mal getrennt voneinander und auch wenn ich mich von AirBnB zu AirBnB hangele, fühle ich mich nur noch selten so völlig unzuhause. In den letzten zwölf Monaten war ich in fünfzehn Ländern unterwegs. Ich stürzte mich in wilde Affären mit ihnen. Ich lernte sie in Windeseile kennen, wandte mich in ihnen, vernaschte sie, atmete ihren Geruch ein, tauchte in ihre Gedankenwelt, erkundete ihre Vergangenheit und gab mich ihnen hin. Gab mich in ihnen auf. Nicht überall, aber oft genug um mit einem angebrochenen Herzen im Flugzeug zum nächsten Ort zu sitzen.

Was sind diese Orte für mich? Abenteuer? Belanglose Liebeleien? Was hat Mexico City, was mein kleines Paradies am Rhein nicht hat? Warum kann ich mich Buenos Aires so hemmungslos in die Arme schmeißen, wenn ich ihm doch eigentlich noch gar nicht vertrauen kann. Wieso bilde ich mir ein, Budapest wie meine Westentasche zu kennen, obwohl wir uns doch vor zwei Wochen erst so richtig kennengelernt haben? In jedem Hafen eine Dirne, was? – Oder einen Matrosen. Je nach dem.

Kann es sein, dass ich mich in die Kerle verknalle, weil sie durch meine rosarote Brille für den Ort so wunderschön erscheinen? Ich liebte Lissabon und mochte den Kerl nur ein bisschen und sagte doch nicht ‚Adeus‘. Denn den Kerl fand ich zwar nett, doch Lissabon und ich konnten kaum mehr ohne einander. Wir ließen uns aufeinander ein und es fühlte sich an, als sei es für immer. Doch Lissabon blieb in Portugal und ich zog weiter. Den Kerl halte ich mir immer noch wie eine Schneekugel mit Stadtpanorama. Wenn ich ihn an unterschiedlichen Orten mal wieder sehe, dann ist es als würde ich die Schneekugel aufschütteln und mich darüber freuen, bis der Schnee wieder gelandet ist und ich merke, dass eine Stadt in der Schneekugel nicht das gleiche ist, wie selbst in dieser Stadt zu sein. Und dann fahre ich wieder los. Zum nächsten Hafen.

Ich frage mich, welche Rolle meine Heimatstadt spielt. Dieses kleine Paradies am Rhein, in dem der Wein den Frieden bereitet. In dem die Menschen lachend über den Marktplatz schlendern und der Himmel über dem Dom so blau ist, dass er mich die Strände Yucatans und die Gletscher Patagoniens fast vergessen lässt.

Vielleicht ist „Zuhause“ meine Sicherheit. Mein „egal wie, ich nehme dich wieder“-Ort. Meine beste Freundin, bei der ich mich Monate lang nicht melde und die mich sieht und sagt: „Wie schön, dich zu sehen“ und nicht „Wo warst du nur die ganze Zeit“.

Vielleicht ist es das. Die Arme, in die ich fallen möchte. Meine erste große Liebe, die ich niemals vergessen werde. Die weiß, dass ich nein keinen Kaffee aber ja klar Kuchen möchte. Zu der ich immer wieder zurückkehren darf. Die sofort merkt, wenn ich mich beim Telefonieren heimlich mit was anderem beschäftige. Die mich faul im Bett liegen lässt und mir trotzdem jede Möglichkeit lässt, mich frei zu bewegen. Die riecht, wenn ich flunkere und mich trotzdem lieb hat. Vielleicht ist zu Hause das, wofür ich vielleicht sogar bereit bin, irgendwann mal allen anderen Häfen anzubieten, Freunde zu bleiben. Weil es nicht an ihnen liegt, sondern an mir. Weil ich gerade lieber am Rhein sitzen möchte und Pralinen essen möchte. Und zwar herzförmige.

Headerphoto: (c) Aaron Tsurutsurufoto.com

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