Heute Hintenrum – Fritzis Liebesbrief ans Pegging

Es passierte bei unserem zweiten Date. Ich hatte Jonas auf OKCupid kennen gelernt, wir trafen uns, plauderten, knutschten und beschlossen, uns wiederzusehen. Ich erinnere mich nur verschwommen daran, was wir bei besagtem zweiten Treffen alles getrieben haben, bis wir an den Punkt kamen, an dem er auf dem Bauch lag und ich auf ihm. Weniger absichtvoll als eher in einer generellen lustvollen Bewegung bewegte ich mein Becken über seinem Hintern, als er fragte:

„Hattest du schon mal Sex mit einem Strap-On?“

Mein Herz fing heftig an zu klopfen, ich verneinte mit hochrotem Kopf wahrheitsgemäß und stotterte hinterher: „Aber ich würde es echt gern mal tun.“

So kam ich in den Genuss von Jonas’ Arsenal an Dildos und dem Anblick meiner selbst in einem Strap-On. Jesus-Fucking- Christ-Hallelujah (ich darf das, ich bin katholisch) – ist das großartig!

Tatsächlich finde ich es sehr erregend, jemanden zu penetrieren. Ich kenne die feministische Diskussion um die Begrifflichkeiten und finde es mehr als wichtig und sinnvoll, neue Wörter zu erfinden. „Circlusion“ ist so eines, von Bini Adamczak geprägt. Es steht für „Umschließen“ und bietet so, anders als der Begriff „Penetration“, eine Möglichkeit, davon zu sprechen, was weibliche Genitale beim Sex machen.  Denn auch wenn ein Penis in meine Vagina gesteckt wird, bin ich ja aktiver Teil dieses Sexes. Das vorangestellt, ist es aber doch auch ziemlich geil, etwas in etwas anderes hineinzustecken. Noch besser ist das Ganze, wenn dieses Etwas Teil des eigenen Körpers ist.

Mit dem Harness wird der Dildo am Unterleib gehalten, etwa an der Stelle, wo der Penis beim Mann sitzt. Ich bin mir bewusst, dass der blaue Silikondildo nicht mein Körperteil ist und trotzdem ist es ein sehr erregendes Gefühl, ihn in einer anderen Person verschwinden zu sehen.

Generell bin ich ein sehr visueller Mensch und finde es großartig, wenn ich beim Sex was zu sehen habe. Auch wenn ich Doggy Style liebe, finde ich es also immer etwa schade, dass Er dabei so viel mehr zu gucken hat als ich. Diesmal also andersrum! Jonas kniet auf allen vieren vor mir, ich hinter ihm. Es ist fantastisch zu sehen, welche Lust es ihm bereitet, von mir gefickt zu werden und am liebsten möchte ich nicht mehr damit aufhören.

Am Tag danach habe ich den Muskelkater meines Lebens. Bei besagtem ersten Mal kann ich also mein Glück kaum fassen und verhalte mich entsprechend wie ein Fünfzehnjähriger in einer Teenie-Komödie. „Das ist so geil, du siehst so geil aus, oh Gott, ist das geil“, stammle ich vor mich hin. Aber es ist wahr, es ist einfach richtig geil und das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Ein Teil, der die Angelegenheit so großartig macht, hat dabei sicher auch mit Macht und Dominanz zu tun. Es mag meiner feministischen Grundeinstellung entgegen stehen, aber solange wir in einer sexuellen Kultur sozialisiert werden, die die Penetration als den aktiveren, machtvolleren Part bewertet, ist es durchaus eine Form von Machtumkehr, die – zumindest für mich – die Reiterstellung oder ein Blowjob beispielsweise nicht leisten können. Ich kann in meiner Theorie Circlusion feiern und die Selbstermächtigung der Frau beim Sex, aber in der Position zu sein, meinen Penis, selbst wenn er Fake ist, in jemandem zu versenken, fühlt sich stark und dominant an.

Diese Facette hat wohl dazu geführt, dass ich meine Vorstellungen von Sex neu befrage, nicht aber, dass ich diese Sexualpraktik deswegen lasse. Während ich mit diesem Aspekt hadere, bietet Pegging wie jede andere Praktik aber auch die Möglichkeit eines queeren Verständnisses davon.

Meine größte Überraschung beim Eindringen (höhö) in die tieferen (hehe) Gefilden des Pegging* war, was ich Phantomlust nenne.

Bei einem unserer Treffen war ich also noch fest eingeschnallt im Strap-On, als wir beschließen, vaginalen Sex zu haben. Ich liege auf dem Rücken und fummle am Harness rum, aber Jonas schlägt vor, es anzulassen. So lasse ich mich von ihm ficken, während ich selbst meinen harten, großen (Gummi-)Penis streichle. Es macht mich unglaublich an! Neben den visuellen Reizen merke ich in diesem Augenblick, dass es sich tatsächlich auch gut anfühlt, meinen Dildo-Penis zu streicheln. Für den Moment ist er Teil von mir und wird von Jonas und mir als solcher behandelt – zwei Menschen, zwei Penisse und ich im Himmel.

Schon in den Anfängen meines Pornokonsums hatte ich ein besonderes Faible für Schwulenpornos – ich denke, weil es das einzig „Alternative“ im für mich zugänglichen Mainstream-Porno war. Und weil zwei Schwänze drin vorkamen. So auf dem Rücken liegend, einen in meiner Vagina, einen anderen an mir dran, war ich also ziemlich nah an erregenden Bildern, zu denen ich vorher bereits masturbiert hatte.

Pegging bietet also auch eine Möglichkeit, mit Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Begehren zu experimentieren und hat dadurch, wie ich meine, neben der sexuellen Lust sogar noch einen politischen Aspekt.

Fucking for Feminism, so mag ich das!

Und bevor jetzt einer nach Penisneid oder Transsexualität ruft. Nope. Also, naja, einen Penis zu haben, ist sicher in vielerlei Hinsicht toll. Eine Vulva, Vagina, Klitoris und das ganze Gedöns aber auch. Sich einen Dildo anzuschnallen sagt gar nichts über das eigene Geschlechtsempfinden, ja noch nicht mal über die sexuelle Orientierung aus. Ich kann den homoerotischen Reiz an diesem Spiel genießen und Spaß daran haben, einen Penis zu besitzen. Wirklich, es ist der Burner.

Bisher hat sich aber an meinem Gender „Frau“ daran noch nichts geändert und zur Lesbe bin ich (etwas zu meinem Bedauern) dadurch auch nicht geworden. Beides wäre nicht schlimm – es hat nur absolut nichts mit der Praktik Pegging zu tun. Wer jetzt neugierig geworden ist oder beim Lesen dieser Zeilen einen alten, nie ausgesprochenen Wunsch in sich aufkommen spürt, sei ermutigt.

Seit diesen tollen Erfahrungen mit Jonas gehe ich selbst viel offener mit dem Thema um und
siehe da, mehr Männer als erwartet haben mir nicht den Kopf deswegen umgedreht. Nun ist Jonas bisexuell und hat die Sache von sich aus angestoßen (hihi), aber gerade weil das Thema passive anale Penetration in heterosexuellen Partnerschaften so tabuisiert wird, besteht eine gar nicht mal so kleine Chance, dass auch dein heterosexueller, männlicher Partner Interesse an Pegging hat und es nur noch nie gewagt hat, diesen Wunsch zu äußern.

Der beste Weg ist, wie immer, es einfach anzusprechen. Beim Kuscheln am Sonntagmorgen einfach mal fragen, ob Schatz nicht Lust auf nen Finger im Po hätte. Von dort aus könnt ihr euch dann weiterarbeiten und ehe du dich versiehst, hast du im Sexshop deines Vertrauens ein Harness, einen schlanken Dildo für den Anfang, Gleitgel und Kondome (Safer Sex gilt auch für Toys, besonders wenn sie geteilt werden!) gekauft.

Bei meiner neuesten Bekanntschaft war ich es dann auch, die die Frage stellte: „Hattest du schon mal Sex mit einem Strap-On?“ Und mein neuer Lover, der errötend verneinte: „Aber ich hätte echt Lust dazu.“

 

Fritzi schreibt außer über Pegging auch für Gitzy, ein unabhängiges Online Magazin über die Vielfalt von Beziehungen, Menschen, Liebe, Arbeit und Gemeinschaft.

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

Ein Kommentar

  • Antworten Januar 5, 2018

    Jessica

    Klasse!
    Schöner ehrlicher Bericht. Ich finde diesen „Machtwechsel“ auch sehr geil aber es ist nicht unbedingt leicht einen passenden (männlichen) Gegenpart zu finden. Viele Männer schämen sich da leider noch und ihre Hintertür soll am besten immer Jungfrau bleiben 🙂

    LG Jessica

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