Ich mach was mit Porno: Jennifer Lyon Bell

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To know her is to love her – wer Jennifer Lyon Bell kennenlernt, will sofort mit ihr befreundet sein. Die supersympathische Amerikanerin hat in Harvard studiert und als Marketingexpertin gearbeitet, bevor sie sich entschloss, Pornos zu drehen. Ihre Filme bezeichnet sie selbst als „Erotic Film for People who like film“ – und den Rest, ach…den erzählt sie euch einfach selbst! 

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Dieses Interview ist ein Auszug aus Kommen mit Stil – der Guide für nachhaltigen Porno.

Wer bist du und was machst du mit Porno?

Ich heiße Jennifer Lyon Bell. Ich bin Regisseurin und habe meine eigene Indie-Filmproduktionsfirma, Blue Artichoke Films, in Amsterdam. Ich produziere „Erotische Filme für Cineasten“ – ungewöhnliche, künstlerisch wertvolle erotische Filme, die Sexualität auf emotional realistische Art darstellen.

Wann wusstest du, dass du das tun musst? Gab es einen besonderen Moment, der dich dazu bewegt hat?

Ganz ehrlich? Ich wollte das exakt seit dem ersten Mal machen, als ich selbst einen Porno gesehen habe. Es hat mich zwar angemacht, sah aber nicht mal ansatzweise so spannend aus, wie sich die Erlebnisse anfühlten, die meine Freunde und ich im wahren Leben hatten. Ich habe von Pornos fantasiert, in denen ich eine ganz spezielle Chemie zwischen den Darstellern sehen kann – die nach kreativem, schönen Sex aussehen. Meine berufliche Laufbahn hat sich dann auch tatsächlich geändert, als ich aus persönlichen Gründen nach Amsterdam gezogen bin. Ich habe festgestellt, dass das Wurzeln schlagen in einem neuen Land eine großartige Möglichkeit ist, noch mal ganz von vorne anzufangen und eine Karriere einzuschlagen, in der ich tatsächlich das tue, was ich liebe.
Zwei Tage, nachdem ich in Amsterdam gelandet war, saß ich auf meinem Bett und habe mich laut gefragt: „Kann ich einfach so loslegen und das echt machen?“

Wie würdest du das, was du tust, jemandem beschreiben, der noch nie vorher einen Porno gesehen hat? Was macht deine Filme so besonders?

Ich schätze, meine Filme sind liebenswert. Ich bekomme oft Feedback von Leuten die sagen, es fühlt sich für sie gut an, meine Filme zu sehen – das bedeutet jetzt nicht notwendigerweise, dass da nur Blümchensex gezeigt wird, sondern auch, dass die Darsteller selbst so cool und spannend sind, dass man sich direkt mit eingebunden fühlt. Durch meinen Stil zu drehen, versuche ich eine gewisse Intimität herzustellen.
Außerdem finde ich Sexgeräusche ganz toll, deswegen versuche ich, am Set die tollsten Sexgeräusche herzustellen. Die würde ich in der Endfassung des Films nie mit einer Wand aus Musik übertünchen – nicht, dass an Musik was falsch wäre, aber für mich persönlich sind gute Sexgeräusche der Schlüssel zur Geilheit.

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Fairtrade Porn, Ethical Porn, Frauenporno, Porno für Paare, Indie Porno, Feministischer Porno – welches Label würdest du deiner Arbeit geben, wenn du dir eins aussuchen müsstest?

Super Frage! Meine Antwort darauf ändert sich täglich, aber wahrscheinlich würde ich mich für „Indie Porn“ entscheiden. Ein Großteil meiner Kreativität entsteht aus meinen eigenen, unabhängigen Entscheidungen bezüglich des Castings, der Art von Sex die ich zeige, und auch die Situation, in der dieser Sex stattfindet. Ich habe gerade einen Film mit Parker Marx und Sadie Lune abgedreht, der super-künstlerisch und konzeptuell ist, aber auch sehr intimen, expliziten Sex zeigt – ich bezweifle stark, dass ich so etwas für eine Mainstreampornofirma hätte drehen dürfen. Es ist eine merkwürdige Mischung, aber sie funktioniert irgendwie super. Außerdem muss ich zugeben, dass meine Filme ursprünglich nur Frauen als Zielgruppe hatten, aber inzwischen bin ich sehr angenehm davon überrascht davon, wie viele Jungs auch auf Alternative Pornos stehen, so wie ich sie produziere. Ich würde mal sagen, meine Filme sind so gesehen immer noch frauenzentriert, weil der dargestellte Sex naturgemäß meinen eigenen Blickwinkel als Frau widerspiegelt – Ich werde immer Dinge zeigen, die ich persönlich heiß und glaubwürdig finde – aber trotzdem darf sie jeder gut finden.

Wann ist eine Pornoproduktion deiner Meinung nach „ethisch korrekt“?

Für mich geht ethisch korrekter Porno zuallererst auf die Verbindung zwischen den Darstellern als echte Personen und dem Filmkonzept ein: er nimmt Rücksicht auf das, was die Performer sexuell gerne tun und was nicht so gerne, was genau sie gern mit einem ganz bestimmten anderen Darsteller tun würden, welche Vorstellungen von Safer Sex sie haben und wie sie sich vor der Kamera und als Darstellungsmodus im Film wohlfühlen.
Manchmal kann ethisch korrekter Porno noch einen Schritt weiter gehen und die Vorlieben der Darsteller machen den ganzen Film aus. Außerdem muss ein ethisch korrekter Porno das Set zum geschützten Raum machen, an dem man jederzeit seine Meinung ändern darf, an dem sämtliche Crewmitglieder nicht nur sexpositiv sondern generell supertoll sind, und es muss wirklich genug Zeit geben, dass Crew und Darsteller ganz sie selbst sein können und ihre beste Leistung liefern können, ohne dabei gestresst zu sein.

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Wie sieht dein typischer 9to5-Pornoalltag aus?

Ich caste eigentlich ständig, deswegen treffe ich oft mal Darsteller auf einen Kaffee, wenn sie mir eine besonders coole Email geschickt haben und ich das Gefühl habe, dass sie gerne mit mir und auf meine Art Filme drehen würden. So sehen wir direkt, ob es passt oder nicht, und können dann später ein etwas förmlicheres „Vorsprechen“ einplanen und sehen, ob die Chemie mit einem potentiell ebenfalls interessierten Co-Performer stimmt. Ich treffe auch oft potentielle Crewmitglieder auf einen Kaffee und checke sie auf Sexpositivität und Kommunikations-Skills.

Ich drehe bald wieder, also gibt es ungefähr eine Million kleine Details zu beachten, die ich alle per Email verhandeln muss – von „Können wir mal zum Fotos machen vorbeikommen um zu sehen, wie das Licht um 16 Uhr ist?“ bis „Steht dieser Performer auf Analspielchen?“. Es gibt so viele verschiedene Kameras und Linsen und Formate momentan, deswegen muss für jeden Film gemeinsam mit dem Kameramann eine ganze Reihe technischer Entscheidungen getroffen werden – und nachdem ich seit neuestem mit drei Kameras drehe, gibt’s da einiges zu verhandeln.

Wenn der Dreh schon vorbei ist, arbeite ich wahrscheinlich eng mit Musikern, zusammen um einen guten Soundtrack zu produzieren. Es ist toll, so einzigartige Musik für einen Film zu bekommen, aber dafür braucht es schon sehr viel Lust an der Zusammenarbeit und außerdem viel, viel Zeit. Auch der Schnitt ist ein Vollzeitjob, egal ob ich das selber mache oder mit einem Cutter zusammenarbeite. Dafür plane ich immer besonders viel Zeit ein. Und nachdem Blue Artichoke ein winziges Business ist, muss ich mich auch mit unspannenden Dingen rumschlagen, die Indieporno möglich machen – den Blog auf meiner Website updaten, herausfinden, warum mein Internet schon wieder so langsam ist, oder mal wieder die dämliche Festplatte aufräumen.

Wie schaffst du es, als Regisseurin Intimität einzufangen?

Ich vertraue schon sehr darauf, den Darstellern am Set sämtliche Freiheiten zu lassen. Wir diskutieren schon vorher ausführlich, was sie gerne tun und an welchen Teilen des Sets wir aufgrund von Lichtproblemen nicht drehen können, aber größtenteils lasse ich sie einfach Spaß haben und choreographiere ein bisschen wenn´s los geht. Ich plane schon am Storyboard die Szenen, die ich brauche und die Phantasien, die ich unbedingt drin haben will, aber generell ist das, worauf die Darsteller im Eifer des Gefechts Lust haben, immer wesentlich eklektischer als alles, was ich ihnen jetzt spezifisch hätte auftragen können.

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Ich achte darauf, dass die Kameraleute leise um die Darsteller herum-drehen, und wir kommunizieren dabei per Handsignalen, um sicherzugehen, dass wir genau die Einstellungen bekommen, die ich brauche. Mein persönlicher Stil ist es, sicherzugehen dass ich eine Menge Nahaufnahmen vom Gesicht bekomme, besonders in diesen intensiven Momenten, in denen viel nonverbale Kommunikation zwischen den Darstellern passiert. So kann ich danach im Schnitt die sexuelle Erfahrung wiederherstellen, die man hat, wenn man mit seinem Partner in so Schlüsselmomenten besonders im Einklang ist. Diese zwischenmenschliche Chemie kann man dann im eigenen Körper fühlen.


Welche Veränderungen wünscht du dir von der Mainstream-Pornoindustrie? Was sollten die Konsumenten ändern?

Es ist mir nicht wichtig, die Mainstream-Pornoindustrie zu verändern: Meiner Meinung nach sollten wir Indie-, alternative- und feministischen Porno sichtbarer und leichter auffindbar machen. Die Menschen lieben das Zeug, haben aber keine Ahnung wo sie es herbekommen sollen. Sie sind auch immer angenehm überrascht, wenn sie feststellen, wie divers Pornografie sein kann, wenn sie mal wirklich gute zu sehen bekommen – aber erst mal müssen sie Zugang zu ihr bekommen! Meine täglichen Kämpfe fechte ich mit Mainstream-nicht-Pornofirmen aus: Visa/Mastercard, Youtube, Facebook, Vimeo.

Die Vorurteile vieler Firmen gegenüber sexuell erregendem Material sind riesig und erstickend. Selbst meine Safe-for-Work-Trailer schaffen es oft nicht. Wenn wir Indiepornoproduzenten gerechten Zugang zu Zahlungsmethoden, Social Media und Onlineportalen, die sonst so ziemlich jeden Filmemacher akzeptieren, hätten, könnten wir die Pornoindustrie über Nacht revolutionieren. Außerdem würde ich es richtig toll finden, wenn normale Verbraucher lernen könnten, dass Regisseure ihre Arbeitskosten nur wieder hereinbekommen, wenn sie dafür bezahlt werden – und nein, das funktioniert nicht über Tube-Websiten. Also: wenn Ihr Indiepornoproduzenten die ihr mögt direkt unterstützt, können wir mehr und bessere Filme für euch machen!

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Das ungekürzte Interview mit Jennifer Lyon Bell und viele weitere Schlaumeiertips für mehr Spaß beim nachhaltigen Pornokonsum findet ihr in Kommen mit Stil – den Guide für nachhaltigen Porno – den ihr hier im Lvstshop kaufen könnt. Jippieh!

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Und wenn du dich dafür über diesen Affiliate-Link anmeldest, hab ich auch noch was davon. Denn machen wir uns mal nichts vor, mittelfristig will ich mich natürlich mit diesem Sexblog in die Karibik absetzen und fände es echt charmant von dir, wenn du meinen exklusiven Geschmack dabei etwas subventionierst. Sieh´s als Drink an der Bar, den du mir ausgibst – nur, dass du den gar nicht extra bezahlen musst und sogar noch gute Pornos dazu bekommst! Win-Win Baby, ich wusste doch das läuft mit uns.

Alle Bilder (c) Jennifer Lyon Bell / Blue Artichoke Films

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

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