Liebesbrief an die Bitches – ein Text von Jenz

Genau 11692 Tage bin ich heute alt. Für alle, die nicht nachrechnen wollen: Das sind 32 Jahre und 12 Tage. Wenn man dann mal die Kindheit abzieht – sagen wir mal ab dem ersten Rummachen und dann dem ersten Sex, dann habe ich jetzt seit 17 Jahren Sex. Mit vielen verschiedenen Menschen verschiedener Geschlechter, in verschiedenen Spielarten, unzählige Akte. 17 Jahre.

Wenn ihr euch jetzt entrüstet, à la „Schlampe – will sie uns neidisch machen?“, dann lasst euch gesagt sein: Mir geht es nicht ums Prahlen. Was ich eigentlich deutlich machen will, und damit lasse ich jetzt auf eine noch intimere Art vor euch die Hosen runter als in meinen Pornofilmen, ist:

Ich bin jetzt 32 Jahre alt und hatte heute zum ersten Mal Sex, bei dem ich tatsächlich und ganz echt und pur mich in meiner Vagina, bzw. den Penis meines Geliebten in mir drin gefühlt und gespürt habe! So richtig.

Was? Unsere selbst ernannte Sexpertin, die schon so viel Sex hatte, hat jetzt erst was gespürt?

Ja.

Aber Moment, ich erkläre es euch. Mein größtes Anliegen in der öffentlichen Arbeit zu Sexualität ist es, Echtheit und tabulose Offenheit zu leben und zu teilen und damit für eine sexuell befreite Gesellschaft zu kämpfen. Das wird hier mein bis jetzt größter Schritt dorthin, den ich mit euch zusammen gehen will.

 

Was meint sie mit „zum ersten Mal gespürt“?

Ich habe mit sechzehn mit meinem ersten Freund Sex gehabt, wie man das halt so macht, wenn man schon ein paar Jahre zusammen ist und neugierig. Die erste Zeit hatte ich dabei Schmerzen, was mir furchtbar peinlich war  dachte ich doch, etwas mit mir würde wohl nicht stimmen. Deshalb habe ich es verheimlicht. Au. Da hab ich wohl Performen gelernt. Ich war wohl viel zu verkrampft und das hat sich wahrscheinlich auch auf meine Scheide übertragen.

Um das deutlich zu machen, mein Start in mein Sexleben war nicht so leicht. Und viele Jahre und einige Beziehungen später hatte ich immer noch Schwierigkeiten, loszulassen, mich bei anderen fallen zu lassen und zum Orgasmus zu kommen. Das Kommen kam schon mal vor. Aber am besten konnte ich es immer noch, wenn ich alleine masturbierte. Ich hatte schon geglaubt, der vaginale Orgasmus, oder überhaupt auch nur das Empfinden da drin, sei ein Mythos.

Ich fand das Gefühl in meiner Vagina schon sehr schön, wenn ich penetriert wurde, aber es war immer noch irgendwie gedämpft, etwas verkrampft und oft eher überempfindlich als genussvoll. Ich war immer noch zu angespannt. Meine Muskeln waren angespannt. Ich versuchte teilweise, mit Beckenbodenmuskel-Anspannung den Penis mehr zu umschließen, in der Hoffnung, dass ich dann den Aha-Effekt haben und den Zauber des penetrativen Geschlechtsverkehrs erfahren würde.

 

Doch das Aha blieb aus… Bis jetzt!

Jetzt, wo ich eine Frau von 32 Jahren bin, und dachte, ein ziemlich erfülltes Sexleben zu haben…

Heute, wo ich also 11692 Tage alt bin, habe ich zum erstem Mal den Aha-Effekt gehabt. Heute hab ich gespürt, was meine Muschi, meine Vagina, meine Vulva, meine Mau, meine Königin… mir für unglaubliche Wonnen und Hochgefühle verschaffen kann!

„Viva la Vulva!“, schreit es aus mir raus. So dass ich den ganzen Tag schon vor Glück weinen muss.

Ich habe all die Jahre daran gearbeitet, mich zu lockern und zu befreien von Scham und Angst, und zu forschen, und zu suchen… und es trägt Früchte! Meine heutige Erkenntnis will ich unbedingt mit euch teilen, damit alle, die vielleicht auch ihren Struggle mit ihrer Sexualität haben, davon profitieren können. Um mich selbst so intensiv beim Sex spüren zu können, muss ich locker lassen. Die Muskeln nicht anspannen. Nein. Sondern ganz weich sein, ganz offen.

Ich mache mein Geschlecht auf und lade dich dort hin ein.

„Ich will dich in mir spüren, komm rein. Ich will dich spüren! Ja. Einfach so. Wir müssen nichts. Ich muss nichts. Ich muss nichts leisten. Ich muss dich nicht zufriedenstellen. Und ich muss nicht zum Orgasmus kommen. Ich bin weit und offen, einfach weil ich Ja sage. Ja zu unserem Sex, Ja zu dir und vor allem Ja zu mir und dem, was ich spüre!“

Diese Gedanken lasse ich wirklich währenddessen durch meinen Kopf laufen. Und wenn ich doch zu aufgeregt werde, dann spreche ich mit meinem Partner. Und das holt mich zurück zu uns, zurück in meine Muschi und ins Fühlen. Ich lerne gerade, dass es gut tut, mehr dabei zu reden. Und damit meine ich nicht unbedingt Dirty Talk, auch nicht Stellungswechsel-Debatten. Nein, einfach ganz entspannt reden. Wie fühlst du dich? Wie fühlt sich das an? Lass mal kurz Pause machen. Das wünsch ich mir. Da darf man natürlich auch dirty was einfließen lassen, wenn man eh schon im Reden ist.

 

Und dann wenn ich entspannt und ganz weich bin, dann Aha!

Dann passiert was. Dann spüre ich dich in mir, so klar und fast schon plastisch visuell, so intensiv und wunderschön, dass meine Lust mich überwältigt. Ich spüre, wie ich ganz weit und weich und warm und vor Feuchte überlaufend bin, wie ein See, eine heiße Quelle, in die du tauchst. Und paradoxerweise, obwohl ich mich so weit aufmache, spüre ich dich umso mehr, umso deutlicher und du bist dann noch härter und größer und voller.

Es ist unfassbar schön.

Es haben mir Liebhaber bestätigt, dass es bei den Männern auch so ist. Wenn sie locker lassen und entspannt sind, nicht daran denken, jetzt anspannen zu müssen, damit er härter ist, dann fühlen sie mehr. Und hart wird er dann von allein.

 

Und ich fasse es nicht, dass ich 32 Jahre gebraucht habe, dieses Gefühl zu entdecken!

Ich wünschte, im Sexualkunde-Unterricht wäre mir mehr beigebracht worden als nur, dass man an AIDS sterben kann und dass ein Mädchen mittels Kondom eine Schwangerschaft unbedingt zu verhindern hat. Ich wünschte, die erfahreneren Frauen hätten uns zur Seite genommen und uns weitergegeben, wie man sich selber fühlt und wertschätzt und liebt. Vielleicht wart ihr auch noch auf der Suche danach und hattet zu viel Scham. Ich verzeihe euch und mir und dem Umstand, dass es nicht nachzuholen ist.

Eigentlich sollte dieser Artikel eine Kampfschrift werden, gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die es Mädchen so schwer machen, ihren Körper zu lieben und Sex zu genießen.

Oft haben wir keine Ahnung davon, wie unser Körper eigentlich aufgebaut ist und funktioniert, wie wir es uns selbst machen können, wie wir erstens herausfinden, was uns gut tut und es zweitens dann auch noch schaffen, gut darüber zu kommunizieren. Damit unsere Partner uns auch gut tun können.

Oft stellt sich den Mädchen, gesellschaftlich vermittelt, Sex eher als Bedrohung dar. Bedrohung in Form von Vergewaltigung, der Mann dämonisiert als triebhaftes Wesen, Bedrohung durch Verlust des Ansehens und der Ehre, Bedrohung einer ungewollten Schwangerschaft usw. Wer kann sich denn dabei entspannt hingeben und genießen?

Doch, es gibt Frauen da draußen, die können genießen, denen fällt es leichter. Ich will nicht alle über einen Kamm scheren und somit ein Problembild manifestieren. Da freue ich mich für jede, der es leicht fällt! Für die anderen mag ich gerne weiter schreiben und euch nur ermutigen, auf Forschungsreise zu eurer Lust zu gehen!

Ich weiß nämlich, dass ich mit meinen “weiblichen Orgasmus-Problemen“ nicht alleine bin. Viele meiner Liebhaber haben mich, wenn ich schambehaftet in Erklärungsnot kam und jammerte, dass ich das mit dem Orgasmus halt nicht drauf hätte, damit getröstet, dass sie schon viele Mädels hatten, die sich nicht fallenlassen konnten. Alles voll normal.

Was? Wie schlimm! Da muss doch was geändert werden. Das sollten wir nicht hinnehmen.

Nein, machen wir auch nicht! Ich bin unglaublich dankbar für all die fabelhaften Schlampen da draußen, die momentan Tabus aufbrechen und feministisch für die befreite Sexualität der Frau kämpfen! Frauen, die den Mund aufmachen und sich nicht beschämen lassen, wenn sie öffentlich offensiv mit ihrer Sexualität umgehen!

Ihr seid mir Stütze, Inspiration und Weggefährtinnen. Und so soll dieser Artikel lieber ein Liebesbrief für all die mutigen Bitches da draußen sein, die was verändern!

  • Die Filmemacherinnen, die dem männlichen Mainstreamporno entgegen halten,
  • die Aktivistinnen auf den Slutwalks,
  • die Sexarbeiterinnen, die für ihre Autonomie die Stimme erheben,
  • die frivol-kompetenten Sex-Blogger_innen,
  • die Performerinnen, die ihre eigenen Bodystandards etablieren,
  • die Riot Girrrls, die Ladyfeste ausrufen,
  • die queeren Bitches, Butches, Dikes und Divas mit und ohne feste Geschlechteridentität,
  • die Sexshopbesitzerinnen, die Frauen ermutigen, sich auszuleben,
  • die, die Workshops anbieten, Vorträge halten, Bücher schreiben, aufklären,
  • die sexpositiven Feministinnen.
  • Und alle Frauen, die beginnen, offener über ihre Sexualität und ihre Wünsche zu sprechen.

Ich liebe euch! Und ich verdanke euch viel.  Lasst uns weitermachen!

 

Text und Bilder (c) Jenz

3 Kommentare

  • Antworten Juli 25, 2017

    cherrybutton

    Was für ein wunderbarer, positiver, Mut machender Text, den ich zu 100% so unterschreiben und bestätigen kann. Meine Lust am Sex, mein Fallenlassenkönnen, mein „mich offen machen“ kam (höhö, bombastisches Wortspiel😉) tatsächlich leider erst mit der bzw. nach der Geburt meines zweiten Kindes und da war ich sage und schreibe schon fast 36 Jahre alt. Vorher war es zwar immer schön, und der ein oder andere vaginale Orgasmus ist auch mal vorge“kommen“, aber es war nichts im Vergleich zu jetzt. Zu einem Jetzt, in dem ich meinen Körper mit all seinen Facetten, seinen Stärken, seinen vermeintlichen Schwächen angenommen habe. Zu einem Jetzt, in dem ich gelernt habe, mich hinzugeben, und zwar nicht nur dem Partner/ der Partnerin gegenüber, sondern vor allem mir selbst. Ich empfinde keine Scham mehr, sondern bin beim Sex eins mit mir. Hätte ich das schon früher gewusst, erlernt… Wie lange war Sex mit Schmerzen, mit „ach, da muss ich jetzt durch, weil ER will ja“ verbunden, oder auch mit dem Stigma, eine Schlampe zu sein, wenn Frau gerne und viel vögelt. Dabei kann es eine so wunderbare, tiefe Erfahrung sein, dieses Gevögel.
    Daher, liebe Frauen, lasst uns lernen, uns selbst zu lieben und ein wunderbares Sexleben zu haben und zu teilen. Spread love. Und danke nochmals für deine Worte oben, Jenz❤️😘.

  • Antworten Juli 25, 2017

    Hanna Krohn

    Danke für diesen tollen Text, den ich von ganzem Herzen unterschreibe! Es geht beim Sex nicht darum, etwas zu „machen“, sondern darum, etwas zu fühlen, alles zu fühlen. Dafür sind wir gemacht. Nicht für den Porno-Leistungs-Sex, der uns überall vorgespielt wird! Sei froh, dass du es mit Anfang dreißig erfahren hast, bei mir hat es länger gedauert und viele Frauen, die mit heftigen Schmerzen in meine Praxis kommen, haben einen weiten Weg vor sich, bis ihr Körper lernt, zu entspannen und zu genießen.

    Ich wünsche dir alles Gute!
    Hanna

  • Antworten Juli 27, 2017

    Thomas

    Hallo!
    Schöner und wichtiger Text.
    Einfühlsam offen und locker geschrieben. ..

    Ich erlebe oft im Kontakt mit Frauen und auch bei mir, dass da schon soviele Virstellungen/Filme/Erfahrungen reinspielen, dass es für mich ein absoluter Segen War Tantra zu erfahren bzw ganz „banal“ im Hier und Jetzt zu bleiben, auch wenn die männliche Lust mich gerne in Bilder und Vorstellungen treibt…

    Ja es ist wirklich erstaunlich, dass es auch für den Mann intensiver wird, wenn sie immer weicher und offener wird…
    Das Erleben wird ganzheitlicher…
    Der Augenkontakt wird intensiver…
    Vieles verbrennt einfach, löst sich auf…

    Auf rein körperlicher Ebene hilft mir das Anspannen des Beckens bzw der Penisspitze, gezielter den G Punkt oder Gebärmutterhals zu penetranten oder den Orgasmen hinaus zu zögern oder um zu leiten…

    Die Erfahrung mit einer Frau machen zu dürfen, keine Leistung bringen zu müssen und das er auch in ihr ohne Wertung schlaff werfen darf, dass Pausen sogar erwünscht sind, dass Zeit verschwindet waren und sind solche wunderschönen und nahen Erfahrungen, dass Glückstränen oft die einzige Antwort sind…

    Wenn man dann einen neuen Partnerschaft dahin einladen kann ist es wie ein Geschenk…

    Alles Gute dir und danke für den schönen Artikel!

    Liebe Grüße

    Thomas

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