Mieses (Sex-)Karma? Ein Text von Suzette Oh

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Er war jung, Sogar verdammt jung. Fast an meiner persönlichen Schmerzgrenze. Er sah gut aus. Logo. Und hatte einen verdammt geilen Humor. Wir hatten uns über Tinder kennengelernt. Ein paar schnelle Nachrichten, eine Handvoll vibrierende WhatsApp-Dialoge, ein Anruf. Tada – schon waren wir zum Date verabredet.

An einem sonnigen Herbsttag saßen wir bei einem Glas Wein an der Elbe, lachten über uns und diesen watteweichen Moment, bei dem nicht nur die Mücken surrten, sondern auch unsere Hormone Geilheitsherzen in die Luft schickten. Meine Muschi maunzte Miau.

Dann kam die Frage aller Fragen: Was machst du denn so? Ich kannte diesen Moment schon. Und diese Minute Stille nachdem ich gesagt hatte, dass ich neben meinem Beraterjob Hardcore-Erotikbücher schreibe. „Echt jetzt?“ Cool. Wie geil ist das denn.“ Und dann das befreiende Lachen. Er reagierte, wie eigentlich alle Männer reagieren: Offen, neugierig und extrem angetörnt. Soweit so gut.

Wenig später landeten wir in seinem Bett. Irgendeine kleine muckelige Wohnung auf der Schanze. Die Klamotten flogen nur so durchs Zimmer, der Wein neben dem Bett blieb unangetastet Wir rangen mit uns und der aufsteigenden Geilheit. Ich flüsterte ihm ziemlich unanständige Sachen ins Ohr. Er lachte, sein Geschlecht schien mir zustimmend entgegenzunicken. Warm, feucht und von vielversprechender Härte. Alles super, alles extrem heiß. Bis, tja bis plötzlich bei meinem jungen knackiger Lover alles in sich zusammenfiel. Puff.

Er versuchte es zu überspielen. Rubbelte hektisch an sich rum. Ich gab mein Bestes, bis ich Muskelkater im Kiefer hatte. Aber nix ging mehr. Wir fielen in die Kissen. Sein Angebot, mich zu lecken, lehnte ich dankend ab. Irgendwie war mir einfach nach richtig vögeln gewesen. Ich war nett, scheiß verständnisvoll und packte nach einer Anstandspause meine Sachen und ging.

Es wäre der Rede nicht wert, wenn mir das nicht seit einem Jahr häufiger passieren würde. Und zwar mit Männern, die in einem Alter sind, wo sie definitiv noch keine Erektionsprobleme haben sollten.

Irgendwann dämmert es mir. Dieses kleine verfickte Wort „Erotikautorin“ scheint mir schlechtes Sexkarma eingebrockt zu haben. Denn genau vor einem guten Jahr, als mein erstes Buch „Pussy Diary“ herauskam, fing der Sex an, kompliziert zu werden Und das leider nicht nur als Facebook-Status. Die Kerle, die in meinem Bett landeten, verglühten ihre Geilheit im Eifer des Gefechts innerhalb kürzester Zeit. Ein unausgesprochener Druck, bei mir besonders gut zu performen, schien plötzlich auf ihnen zu lasten. Als würde ich Haltungsnoten verteilen. Ich war wohl in ihrer Fantasie zu einer anspruchsvollen Sexgöttin mutiert, die alles gesehen und probiert hatte. Und mit diesem Kopfkino blockierten sich die Kerle schließlich selbst. Drama, Baby, Drama. Dabei wollte ich doch nur entspannten Sex haben.

Also einfach einen Teil meines Lebens verleugnen und alles wäre wieder gut? Nicht wirklich. Meine Versuche, mein Erotikautorinnendasein durch Nichterwähnung unterm Deckel zu halten, waren meist nicht von Erfolg gekrönt. Es dauerte oft nicht lange, bis die Objekte meiner Begierde – Google und meinem offenen Pseudonym Suzette Oh sei Dank – auf mein zweites Standbein stießen, was zu einem zweiten Phänomen führte. Dem der Überperformer.

Micky war dafür ein typisches Beispiel. Er war mir auf einer Geburtstagparty vorgestellt worden. Berater wie ich, sportlich-lässiger Typ, locker unterwegs. Wir blödelten den ganzen Abend miteinander rum und tauschten mit flirty Unterton Beraterstories aus wie kleine Jungs Autoquartettkarten. Ohne Frage, ich fand ihn interessant und sexy. Und bevor ich ging, gab ich ihm meine Nummer. Irgendwann zwischen der ersten und dritten WhatsApp-Nachricht passierte es. Bämm: Das Cover eines meiner Bücher summte mir entgegen mit einem dicken Smiley daneben. Ok, jetzt war es also wieder raus. Sofort wurde ich mit einem Katalog von Fragen bombardiert. „Ist das wirklich alles nur Fantasie? Da hast du ja bestimmt mit mehr Leuten Sex gehabt als ich, he he? Hast du eine Freundin, die beim Dreier mitmachen würde?“ usw. Seufz.

Vermutlich wäre es besser gewesen, mich danach schnell und höflich zu verabschieden. Aber verdammt, ich fand ihn heiß. Und so trafen wir uns ein paar Tage später. Nach hektischem Rumgeknutsche landete ich ziemlich schnell in seinem Bett. Er zog sich aus und präsentierte sich mir, als sei er von den Chippendales. Für alles wollte er Bestätigung: „Hast du schon mal so geile Bauchmuskeln gesehen?“ Gähn, mich interessieren Bauchmuskeln nicht.

„Uhhh, ist mein Schwanz nicht groß?
So einen großen hattest du bestimmt noch nicht?“ Nee, schon klar – noch nie im Leben. „Deine Fotze war bestimmt noch nie so nass wie bei mir?“ Genau, ich kriege schon einen Orgasmus, wenn du mich anhauchst. Mein Kopf war schon abgetörnt, bevor es richtig losging, weil ich genau merkte, wie er eine Rolle spielte. Tja und wenn bei Frauen der Kopf nicht mitspielt, ist fast alles verloren. Doch ehe ich darüber nachdenken konnte, ob ich einfach abhauen sollte, packte er mich und drehte und wendete mich wie eine Puppe. Alle zwei Minuten Stellungswechsel. Kaum begann ich mich zu entspannen, wurde ich schon wieder rumgerollt.

Was hätte ich darum gegeben, einfach mal bräsig auf dem Rücken zu liegen, um die Sache zu genießen.
Dazu seine ständigen rhetorischen Fragen, wie gut er sei. Bla Bla. Nichts gegen gepflegten Dirty Talk, aber dann bitte so, dass es auch etwas mit mir zu tun hat. Nach stundenlangem Rumgerolle und Rumgestochere, kam er schließlich. Hurray. Ich bekam einen Beinkrampf. Vom Orgasmus war ich so meilenweit entfernt wie der HSV vom Bundesliga-Klassenerhalt. Pah. Was für ein missglückter Abend.

Auch Mickey ist leider kein Einzelfall. Typen, die meinen, den Überhelden im Bett spielen zu müssen, weil sie eine Erotikautorin daten. Furchtbar anstrengend. Und leider furchtbar verbreitet. Auch Erotikbloggerinnen können von so etwas ein leidvolles Lied singen.

Jüngst bin ich dazu übergegangen, einfach einen neuen Namen zu erfinden. Ein unbeschriebenes Blatt zu werden. Was mein Sexleben deutlich entspannt hat. Auch Liebhaber, die mich vor meinen beiden Büchern gedatet haben, stehen wieder hoch bei mir im Kurs. Sie kennen mich gut genug und sind souverän genug, mir nichts mehr beweisen zu müssen. Denn der geilste Sex ist immer noch der, bei dem beide Lover einfach sie selbst sind. Basta.

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Suzette Oh ist eine Erfindung von Ingeborg Trampe, die von RTL jüngst als „DIE Erotikautorin Deutschlands“ bezeichnet wurde. Nach zahlreichen Führungsstationen in der Werbebranche lebt und arbeitet sie heute als selbstständige Journalistin, PR-Beraterin und Autorin in Hamburg. Die Abenteuer von Suzette Oh schrieb sie in Hotelzimmern und angemieteten Wohnungen in Berlin, Hamburg, Paris und auf Sylt. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme und singt gerne Jazz und Chansons. 2015 erschien ihr erster Erzählband »Pussy Diary« (Droemer Knaur). Ihr Erotikroman „Secret Dreams – Hotel der Lust“ ist Mitte 2016 bei Piper erschienen.

Gemeinsam mit Suzette Oh verlosen wir 3 signierte Exemplare von Secret Dreams! Kommentiere einfach hier unten, auf welchen albernen Performance-Move du im Bett keine Lust mehr hast!

Beitragsfoto: Aaron Tsuru Tsurufoto.com
Text: Suzette Oh
Autorenfoto: Nele Martensen

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

14 Kommentare

  • Antworten November 22, 2016

    Jan B-Punkt

    Ich soll ja kommentieren, auf welchen albernen Performance-Moves ich im Bett keine Lust mehr habe.
    Nun frage ich mich ja erstmal, ob damit meine albernen Performance-Moves oder die meiner hochgeschätzten Frau gemeint sind.
    Da gibt’s AFAIK nämlich keine. Vermutlich sind wir aus dem Alter raus oder wir wissen beide, dass wir uns mit so einem Kram nix beweisen müssen.

    Ich kann mich allerdings noch sehr gut an einige Exen erinnern, die meinten, dass zu gutem Sex unbedingt ein Blowjob gehören würde. Leider hatte den Damen niemand erzählt, dass man dabei auch ein wenig mit Gefühl vorgehen sollte, wenn man denn in positiver Erinnerung behalten werden möchte.
    Den Mund sperrangelweit offen zu halten und irgendwie am Dödel rumsabbern ist halt nix. Und rumzicken, wenn man vorsichtig was sagt, ist dann auch irgendwie blöd und versaut die Stimmung.

    Aber ich bin mir sicher, dass einige der Verflossenen auch ähnliche Stories über mich erzählen könnten.

    Nobody’s perfect – hauptsache, man kann drüber lachen/reden.

    Feiner Text auf jeden Fall und ich würde mich über so ein Büchlein recht freuen 🙂

  • Antworten November 22, 2016

    Lea

    Oh je, da hab ich mich doch an der einen oder anderen Stelle wiedererkennen müssen bzw. einen Mann, der ähnliche Schoten abgezogen hat.. Dafür muss man also wohl nicht mal Erotikautorin sein 😉

    Was ich persönlich am schlimmsten finde, ist, wenn ich während einer nicht wirklich vorzeigbaren „Performance“ von ihm mit seeehr abgedrehten Fantasien bombardiert werde – ohne je danach gefragt zu haben. Das zerstört nicht nur jede schöne Art von Kopfkino, sondern auch jegliche Erektion. Da hatte man im einen Moment noch Bock auf Dirty Talk und – schwupps – alles dahin.

  • Antworten November 22, 2016

    Jenz

    Als Pornodarsellerin kenne ich das Problem, wenn man die ‚Pussy erst mal aus dem Sack gelassen hat‘ ,dass es dann das ehrliche Miteinander stört. Allerdings merke ich dann oft,wie die Männer dann was von mir erwarten,sich zurücklehnen und auf die Zaubershow warten. Früher hab ich auch oft dann halt das ganze Entertainmentprogramm rausgeholt. Den Druck gebe ich mir jetzt aber nicht mehr.
    Es geht doch darum zusammen zu kommen und eine eigene Sprache der Körper zu vermischen. Mit dem einen Spricht man laut mit dem anderen leise..Und es ist gut so wie es ist.

  • Antworten November 22, 2016

    Corinna

    Ungeschicktester Performancemove: wenn Mann in den Spiegel blickend seine Haare richtet (really?!) während wir gerade mit einander zugange sind. Das.Geht.Gar.Nicht.

  • Antworten November 23, 2016

    Hendrik

    sinnloses rein-raus die Situation einfach mal nicht danach ist das man kommt

  • Antworten November 24, 2016

    Streber

    Dämlicher, überzogener und unpassender dirty talk, bei dem sich die Nackenhaare aufstellen und jegliche Erregung ins Nebenzimmer flüchtet.

  • Antworten November 27, 2016

    Aviator

    Ganz schlimm: ein hektischer, hochfrequenter und fast schmerzhafter Hand-Job wenn man als Mann gerade mal nicht s-o-f-o-r-t eine mörderische Erektion hat (soll mit über 50 vorkommen …)

    Etwas weniger schlimm: hochgradig erregender und guter Dirty-Talk anfangs und dann im weiteren Verlauf auf Blümchensex bestehen … wozu dann der Verbalangriff vorher ? (lieber andersrum, harhar)

    Das Foto über dem Beitrag ist übrigens sensationell erotisch!

  • Antworten November 28, 2016

    Pustebloome

    Was garnicht geht ist dieses ständige Gefrage nach „Gefällt dir mein Penis?“, „Ist er gut genug für dich?“ „Schau mal wie groß ich bin“ bla bla. Taten sprechen mehr als Worte.

  • Antworten Dezember 1, 2016

    Miri

    Hach, Sex könnte so einfach sein, nur leider ist oft auch mal das Ego im Weg – oder Unsicherheit? Eigentlich kann ich viel verzeihen, und finde auch vieles schön und lustig, Hauptsache man hat Spaß. Letztens hat mir allerdings jemand seinen Penis ins Gesicht gehauen – hat er Ernst gemeint, komplett unironisch! Das fand ich echt ne harte Nummer.

  • Antworten Dezember 1, 2016

    Peppie

    manche Männer denken ja, wenn sie gleich überfallmäßig mit Dirty Talk anfangen, dann ist man als Frau sofort kurz vor knapp und der Herr braucht sich sonst nicht weiter bemühen. Überrschung: IRRTUM!

  • Antworten Dezember 1, 2016

    Isi

    Umgekehrte Reiterstellung! Oft probiert, aber Spaß geht anders.

  • Antworten Dezember 1, 2016

    kinglouis

    Raus, rein, raus,
    fertig ist der kleine Klaus!

    GRAUENVOLL!!

  • Antworten Dezember 2, 2016

    Monika

    unpassender Dirty-Talk und Blümchensex finde ich abtörnend, ein bischen mehr Phantasie sollte schon vorhanden sein

  • Antworten Dezember 14, 2016

    Melanie

    Reiterstellung. Macht mir überhaupt keinen Spaß!

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