Sechs Fragen an Sexarbeiterin Lena Morgenroth

Mit dem Sex sprechen, statt über ihn – das ist eine der Hauptmissionen hier auf Lvstprinzip. Und dasselbe wünschen sich Sexarbeiterinnen: dass wir mit ihnen sprechen, statt immer nur über ihre Köpfe hinweg entscheiden zu wollen, was richtig ist, was falsch, was moralisch und was feministisch korrekt ist. Eine von ihnen ist Lena Morgenroth, die Protagonistin der Doku Sexarbeiterin, die seit März in den deutschen Kinos läuft.

Der preisgekrönte Regisseur Regisseur Sobo Swobodnik hat Sexarbeiterin Lena Morgenroth mehrere Monate lang in ihrem Alltag begleitet. Lena ist 1984 geboren und begann schon während ihres Informatik-Studiums in einem Erotik- und Tantramassagestudio zu arbeiten. Mit dem Diplom in der Tasche entschied sie sich schließlich gegen die Karriere im Studienfach und für ihre Lebensabschnittsberufung: Sexarbeit. Nach Streifzügen durch Bordell und SM-Studio machte sie sich mit erotischen Massagen, BDSM und bizarrer Erotik selbständig. Als Mitglied im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen engagiert sie sich für gesellschaftliche Anerkennung und rechtliche Gleichstellung von Sexarbeiter_innen. Uns hat die wunderbare Lena ein exklusives Interview gegeben.

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Unique: Mir liegen einige Fragen auf der Zunge, die ich dir aber nicht stellen will, weil du die wahrscheinlich oft hörst. Ich nehme mal an, dass dir auch schon vor dem Film die Leute viele Fragen gestellt haben, wenn du von deinem Beruf erzählt hast. War dir bewusst, dass das so sein würde, als du dich für diesen Berufsweg entschieden hast?

Lena: 

Ja, klar – ich bin ja auch neugierig, wenn jemand einen spannenden Beruf hat, über den ich aus erster Hand nichts weiß. Ich gehe ja sehr offen um mit meinem Beruf, auch im Alltag z.B. beim Arzt, bei der Bank, etc. Man wird ja im Smalltalk ständig nach dem Beruf gefragt! Bevor ich Sexarbeiterin wurde, war mir das gar nicht so bewusst. Die Reaktionen fallen meist in eine von zwei Kategorien: die neugierigen Fragen oder eine Phrase wie „oh, das ist ja schön“ und dann ein rascher Themenwechsel. Manche Leute sind mit dem Thema eben auch erstmal etwas überfordert.

Was war die schönste Reaktion auf deinen Beruf, die du bisher erlebt hast?

Mir ist Neugierde sympathisch. Viele Kolleg_innen sind zu Recht genervt, immer wieder den Erklärbär geben zu müssen. Ich mache es aber gerne und beantworte auch mit Freude immer wieder die gleichen Fragen, zumindest in meinem privaten Umfeld oder wenn ich als Aktivistin unterwegs bin. Im professionellen Kontext finde ich es immer grandios, wenn jemand einfach souverän und ohne viel Aufhebens damit umgeht. So wie der Berater von der Verbraucherzentrale zum Beispiel, der mir dann ohne mit der Wimper zu zucken ganz freundlich und sachlich und gelassen die Fragen gestellt 
hat, die er jedem anderen Menschen wohl auch gestellt hätte, der sich zur privaten Altersvorsorge erkundigen will. Da bin ich jedes Mal richtig glücklich drüber und denke mir dann: So sollte es überall sein!

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Woher kommt es deiner Meinung nach, dass bei öffentlichen Diskussionen zu Sexarbeit so häufig die Frage aufkommt, was nun die „typische“ Sexarbeiterin ist und welche Alltags- und Erfahrungsbeispiele repräsentativ sind?



Ich glaube, das hat viele Gründe. Menschen stellen nicht gerne ihre Weltbilder in Frage. Viele haben keinen eigenen Kontakt zur Sexbranche und wissen deshalb auch nicht, wie vielfältig die Lebens- und 
Arbeitswirklichkeiten dort sind. Die nehmen ihr Bild also aus den Medien, und das Bild, das die großen Medien von der Sexarbeit zeichnen, ist ziemlich einseitig und ziemlich negativ. Dazu kommen dann noch tradierte Frauenbilder, zum Beispiel die Frau als schwaches Geschlecht, die dann natürlich in der Sexarbeit gegen die stärkeren Männer ihre Grenzen nicht wahren kann. Und wer fest davon überzeugt ist, dass Sex für Frauen, und zwar für alle Frauen, das Allerheiligste ist, kann sich natürlich auch nicht vorstellen, dass es Frauen gibt, die aus eigener Entscheidung Sex für Geld anbieten und dabei auch keinen seelischen Schaden nehmen. Wer so ein festes Weltbild hat, in dem selbstbestimmte Sexarbeit nicht vorkommt, kommt in die Bredouille, wenn eine selbstbewusste Sexarbeiterin vor ihm steht und lautstark und glaubhaft für sich das Gegenteil behauptet. Es ist dann sicher der unbequemere Weg den inneren Widerspruch dadurch aufzulösen, dass man sich weiter
 informiert und das eigene Weltbild korrigiert und ergänzt. Einfacher ist es, daran festzuhalten und diese eine Sexarbeiterin als seltene und damit irrelevante Ausnahme abzutun.

Wie war bisher die Resonanz von anderen Sexarbeiter*innen zu deinem Film? Gab es viele positive Rückmeldungen von Frauen und Männern, die wie du freiwillig und selbständig der Sexarbeit nachgehen? Hast du auch Kritik von aktuellen oder ehemaligen Sexarbeiter*innen bekommen, die dem Film eine zu positive Darstellung der Sexarbeit vorwerfen, weil sie selbst andere Erfahrungen gemacht haben, die eher den gängigen Klischees (Zwangsprostituierte, drogenabhängige oder missbrauchte Sexarbeiterinnen) entsprechen? Wenn ja, wie gehst du damit um bzw. was antwortest du ihnen?



Ich habe unheimlich viel Unterstützung von Kolleg_innen erfahren, auch schon im Vorfeld während des Crowdfundings für den Film. Und auch im Nachhinein waren die Reaktionen überwiegend sehr positiv. Eine Kollegin aus der Wohnungsprostitution, die ganz andere Sachen anbietet als ich, meinte zu mir, sie findet sich in dem Film total wieder, eben im Organisatorischen, im Alltäglichen, in all dem was eben auch bei Sexarbeiterinnen den Großteil des Tages ausmacht. Der einzige Unterschied sei wirklich, dass sie fickt und ich nicht. Und dass sie in ihrer Freizeit nicht strickt ;-). 

Kolleg_innen, selbst die, die den Job nicht so gerne mögen und ihn vor allem für’s Geld machen, haben überhaupt keine Mühe zu begreifen, dass der Film einen Einblick in ein einziges Leben gewährt und nicht behauptet, dass es bei allen genauso ist. Und er zeigt eben etwas, was 
tatsächlich bei allen so ist, auch bei denjenigen, die unter weniger rosigen Bedingungen arbeiten: dass man uns nicht reduzieren kann, nicht auf den Sex und auch nicht auf ein Opfersein, dass jede und jeder einzelne von uns Mensch ist, Familie, Freund_innen, Meinungen, Interessen – eben ein Leben hat.

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Was hältst du von der Idee, dass gerade selbstbestimmte Sexarbeiterinnen sich für Zwangsprostituierte einsetzen sollten? Gibt es solche Ansätze schon?



Sorry, ich muss ausholen. Den Begriff „Zwangsprostituierte“ finde ich nämlich problematisch. Darunter werden oft zwei unterschiedliche Dinge zusammengeworfen: Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung einerseits und Sexarbeit aus ökonomischem Zwang heraus andererseits.

 Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist eine Straftat, bei der ein Mensch einen anderen zwingt, Sex gegen Geld zu haben. Das ist ein Verbrechen und ganz klar ein Fall für die Polizei und für spezialisierte Beratungsstellen, die die nötige rechtliche und psychologische Kompetenz mitbringen.

 Wenn jemand aus ökonomischem Zwang heraus in der Sexarbeit ist, weil er oder sie keinen anderen Job findet, mit dem er oder sie genug verdient, um sich und die Familie über Wasser zu halten, dann ist das eine ganz andere Situation. Das ist nämlich auch selbstbestimmte Sexarbeit!

Wir müssen von der Idee wegkommen, dass „selbstbestimmt“ das gleiche wie „gerne“ ist. Das ist nämlich ein Standard, den wir ansonsten an Arbeit auch nicht anlegen. Viele Menschen arbeiten in Jobs, die sie nicht mögen, die sie belastend finden, unter denen sie leiden – eben weil sie Geld brauchen und weil es die Jobs sind, die ihnen zur Verfügung stehen.

Was mich von vielen Sexarbeiter_innen in Deutschland unterscheidet, ist nicht meine Selbstbestimmtheit; es sind meine Privilegien: Ich bin deutsch, weiß, gebildet und verdiene recht gut. Ich halte viel davon, wenn privilegierte Sexarbeiter_innen ihre Privilegien mit in die Waagschale werfen, um mit anderen Sexarbeiter_innen zusammen für gemeinsame Ziele einzutreten: nämlich Rechte, gesellschaftliche Anerkennung, und ein Ende der Stigmatisierung.  Und es gibt auch tolle
 Projekte, in denen Sexarbeiter_innen in Bordellen und Laufhäusern Workshops für Kolleg_innen halten, in denen es um sicheres Arbeiten geht, um die eigenen Rechte und um den Umgang mit den Kunden. Denn diese Skills können am besten diejenigen vermitteln, die selbst Praxiserfahrung haben.

Wie waren die Reaktionen auf den Film von Menschen, die Tantra-Massage anbieten und/oder lehren? In diesem Bereich versuchen ja viele der Aktiven, das „Schmuddel-Image“ bewusst loszuwerden und wehren sich gegen die Bezeichnung ihrer Arbeit als Sexarbeit. Wie stehst du zu dieser Trennung? Bist du aus der „Tantra-Community“ ausgeschlossen worden in dem Moment, in dem dich die Sexarbeiterinnen-Community aufgenommen hat (wie du es hier beschreibst)? Oder bewegst du dich in beiden Umfeldern?

Oh, ich glaube niemand, der den Film sieht, kommt auf die Idee, dass er die Tantramassage ins Schmuddelige zieht! Sobo Swobodnik, der Regisseur und Kamermann, hat wirklich ganz wunderbare und sehr einfühlsame Bilder gedreht. Gerade deswegen ist uns ja auch vorgeworfen worden, einen
 Imagefilm produziert zu haben, die Sexarbeit zu ästhetisieren, zu beschönigen. Ich gebe zu, ein paar Kolleginnen aus dem Tantrabereich hätten den Film gerne noch etwas schöner gehabt, noch etwas berührender. Aber in der Mehrzahl war das Feedback positiv. 

Es gibt sicher einige, die sich vom Begriff Sexarbeit lieber abgrenzen. Da steht neben der Sorge um das Image auch die Frage dahinter: Was ist eigentlich Sex? Als Tantramasseur_innen machen wir uns ja für ein verändertes, erweitertes Verständnis von Sexualität stark: zum Beispiel dafür, dass Sexualität den ganzen Körper einschließt, nicht nur die Genitalien; oder dass nicht immer beide gleichzeitig geil sein müssen, sondern auch mal eine_r einfach nur empfangen, eine_r einfach nur geben darf; oder dass Sex nicht immer orgasmusfixiert sein muss. Sich für so ein Verständnis von Sex einzusetzen, aber dann zu sagen „Nein, Tantramassage, das ist kein Sex, das ist ganz was anderes!“, das ist für mich ein Widerspruch. Auch in anderen Formen von Sexarbeit geht es, genau wie in er Tantramassage, eben nicht immer nur um die schnelle Befriedigung, sondern oft auch um Nähe, Verbindung, Intimität und Angenommenwerden. Für mich ist Sexarbeit ein Oberbegriff für die vielen
 verschiedenen Formen der körperlichen Arbeit mit Sex, von denen jede ihre Eigenheiten hat. Tantramassage ist eine davon.

Copyright für sämtliche Bilder: Partisan Filmverleih
Die Fragen stellte Unique.

Alle, die Lust auf noch mehr Eindrücke und Antworten von Lena haben, sollten sich „Sexarbeiterin“ nicht entgehen lassen. Hier geht es zu den aktuellen Kino-Terminen. Bei der Vorführung am 10. April in Berlin wird es auch nochmal ein Publikumsgespräch mit der Protagonistin geben.

UPDATE: Zum Dvd-Start von Sexarbeiterin verlosen wir gemeinsam mit Partisan Filmverleih drei Exemplare! Kommentiere einfach hier oder auf Facebook, warum du den Film gerne sehen würdest. Teilnahme wie immer ab 18, Einsendeschluss ist der 10. Oktober!

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

5 Kommentare

  • Antworten April 3, 2016

    Michael

    Ich kann Lena nur zustimmen Nähe, Verbindung, Intimität und Angenommen werden ist etwas was ich mit Sex Assoziiere!

    Und um es mal endlich aussprechen was sich viele nicht wagen Sexarbeiterinnen sind keine Menschen zweiter Klasse. In meiner Kindheit war eine Nachbarin, Sexarbeiterin und Sie war eine vorbildliche Mutter, ich mir gewünscht meine wäre so vorbildlich gewesen aber das ist ein anderes Thema!

  • […] und diese am Ende auch Eingang ins Endprodukt finden. Besonders schön ist das in meinen Augen Unique von Lvstprinzip und Axel Schock vom Magazin der Deutschen Aidshilfe gelungen, sowie Bruno Bötschi vom Schweizer […]

  • Antworten Oktober 4, 2016

    Hendrik

    Warum ich den Film gerne sehen will? Weil ich mich für eine Perspektive auf Prostitution jenseits der Emma-Totalablehnung interessiere.

  • Antworten Oktober 4, 2016

    Daniel

    Warum ich den Film sehen möchte….weil es sine Doku ist in der sehr auf die Lebenswelt der protagonisten eingegangen wird und nicht nur von oben drauf geschaut wird…(glaub ich zumindest)

  • Antworten Oktober 5, 2016

    Steffi

    ich habe zwar keinen Penis, aber über 18 bin ich und einfach sehr interessiert an dem WErk, das dem Interview zu Grunde liegt.

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