Slow your everything?

Slow Food, Slow Porn, Slow Sex, Slow Dating – wer genau ist eigentlich dieser Herr Slow und warum hat er mehr Follower als ich? Fakt ist: der Typ hat inzwischen sogar eine eigene Konferenz, und wie genau eine so grundsätzlich mal meist stressige Veranstaltung mit superviel Input wie eine Konferenz zur allgemeinen Entschleunigung beitragen soll, wissen wohl nur die Veranstalter. Die Idee: die Welt mit anderen Augen zu betrachten, weil nur durch Bewusstheit und Achtsamkeit Innovation entstehen kann. Achso?

Auch wenn soviel Slowness schon mal Fragen aufwerfen kann: wenn sie dich mal unfreiwillig am eigenen Kragen packt, zwingt sie einen in der Tat, den Blickwinkel zu verändern. Unser Alltag wird nämlich nicht nur schneller und unübersichtlicher, wir machen ihn selbst dazu. Fiel mir neulich auf, als mein Facebookaccount wegen Darstellung von Nacktheit mal eben kurz gesperrt wurde.

Und auf einmal war da: Stille. Nachdem das regelmäßige Pling von Notifications und neuen Nachrichten verstummt war und ich mir ausgiebig die Frage gestellt hatte, ob ein Paar geschlossener Frauenschenkel mit Schamhaaransatz schändlicher für das ungeschulte Auge sind als tausendfach geteilte Fotos von Babyleichen, wurde mir kurz mal bewusst, wie abhängig wir uns selbst von Social Media machen. Wie momentan ständig neue Bilder auf uns einprasseln, Bilder von Leid, Bilder von Hass und Bilder vom Tod – Betroffenheitspornographie, unzensiert. Mehr Betroffenheit für die, die es ohnehin schon betrifft und mehr Hass für die, die eh schon hassen. Sollen und dürfen wir unter dieser Bilderflut eigentlich noch über irgendwas anderes nachdenken? Auf Slow Living Konferenzen rennen und zwischendurch über Sex quatschen?

Vielleicht ja. Vielleicht ist es Zeit, ein bisschen zu disconnecten, damit wir zu neuer Verbindung finden können. Findet auch Sexualpsychologe Prof. Dr. Ulrich Clement, der auf der Slow Living Conference als Speaker über Erotik in Zeiten von Fast Sex, Tinder und co sprechen wird. Fast Sex – auch ein schöner Ausdruck, oder? Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was der schlaue Herr Clement dort alles so erzählen wird, da die sexuelle Entschleunigung für uns hypernervöse geschlechtsreife Großstadtsingles in Zeiten der Dating-Apokalypse ja meist ziemlich an unserer Lebensrealität vorbeigeht.

Bis dahin: Abwarten und Tee trinken und nach eigenen Möglichkeiten helfen. Zwischendurch ruhig mal das Handy ausmachen, damit das Herz offen bleiben kann. Vielleicht mal einen Muschistreichelkurs belegen. Die Suchanfragen nach Yoga Porn sind in den letzten Jahren ja angeblich schon mal um 91% gestiegen.

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

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