Yes it´s fucking political

„Ich habe das letzte Jahr mal so betrachtet und dabei festgestellt: Das worauf ich am meisten stolz bin, war der Gastartikel, den ich für Lvstprinzip verfasst habe. Danke für die Möglichkeit, die Du mir gegeben hast.“

Solche Emails zu bekommen, hilft. Wirklich sehr. Es hilft gegen die Scham, die ich empfinde, wenn ich durch meinen Newsfeed scrolle. Es ist die Scham darüber, nicht mehr tun zu können. Sie begleitet mich schon eine Zeit lang.

Ich sitze im Singhalesischen Hochland, Muthu erzählt vom Bürgerkrieg, schenkt mir Tee nach und fragt, was ich so mache. „Journalistin? Sehr gut. Sehr wichtig für die Demokratie. Wofür schreibst du, die New York Times?“ Öhm, also naja fast. Cosmopolitan.

Ich höre unter meinen Flipflops die Menschenknochen knacken, als ich über die Killing Fields der Khmer Rouge laufe und mir einfällt, dass ich nachher noch ein paar Kamasutra-Stellungen beschreiben muss.

Ich schäme mich und überweise das Schulgeld für mein Patenkind in Uganda. 150 Euro, die ich sonst ohne mit der Wimper zu zucken für Boots rausgehauen hätte und die jetzt dafür sorgen, dass ein kleines Waisenmädchen mit trotzigem Lächeln nicht in einem Steinbruch Felsen kloppt, sondern ein Jahr lang Vokabeln und Mathe paukt. Ich schäme mich so sehr, dass ich manchmal morgens einfach im Bett bleiben möchte, weil ich nicht mehr genau weiß wohin mit mir. Wie ich mehr tun kann. Und wie das gerade alles wirklich passiert.

Die „über Sex schreiben ist mir echt zu schrebergartenmäßig, ich will verdammt noch mal die Welt sehen!“ Phase habe ich bereits hinter mir. Ich kann so weit reisen wie ich will, das Thema kommt einfach immer wieder zu mir zurück.

Und immer wieder frage ich mich: haben wir verdammtnochmal gerade nicht wirklich Wichtigeres zu tun, als über unsere Geschlechtsorgane und deren Interaktionspotential nachzusinnieren?

Ich glaube, es hat tatsächlich bis zur Trump-Wahl gedauert, bis ich wirklich verstanden haben, dass über Sex schreiben an sich schon ein Politikum ist.

Wenn über die Hälfte aller weißen Frauen lieber einen grabschenden alten Mann wählen, als eine andere weiße Frau, frage ich mich, ob jemals wirklich genug über Sex geschrieben werden kann. Über Grenzen. Über Empatie. Über Verbindung. Und darüber, was ein Nein bedeutet.

Je länger ich über Sex schreibe, umso mehr bemerke ich, wie sehr reaktionäre Weltbilder und jegliche Form von Extremismus mit einer ungesunden Sexualität zu tun haben. Am Ende geht´s eben doch immer irgendwie entweder um vierzig Jungfrauen, den Schutz unserer tapferen deutschen Hausfrau, wie nackt oder angezogen sie so sein sollte, oder eben darum, dass man ihr doch am besten direkt an die Muschi grabschen kann.

Das ist unsere Zeit, das sind unsere Themen.

„Du hast wirklich keine Ahnung, welchen Einfluss du auf mein Leben hattest“ erzählt eine Bekannte vor ein paar Tagen beim Dinner. Ich zucke mit den Schultern – ich hab ihr doch nur einen Vibrator geschenkt. No big deal eigentlich, Daily Business für mich. Für sie der Weg zu einer selbstbestimmteren Sexualität. „Ich mochte Sex schon immer, aber ich hab das nie so zugelassen“ erklärt sie mir, die ironischerweise sonst hocherfolgreich andere Leute in Sachen Business und Wachstum berät.

Es sind Sätze, die ich öfter höre. Und das macht mich froh. Es klingt in meinen Ohren so banal, weil ich es schon so oft gesagt habe, aber es ist einfach immer noch und immer wieder wahr: wer sich und seinen eigenen Körper und dessen Bedüfnisse und Wünsche ernst nimmt und sie kennt, geht anders durchs Leben. Wer die eigenen Grenzen ausgetestet hat, weiß wann es Zeit ist, Nein zu sagen und kann andere Neins besser akzeptieren. Und weiß deswegen auch, wann es Zeit für ein Ja ist.

Ich hatte immer schon ein Herz für die Misfits. Die Weirdos. Die, die anders sind weil sie einfach nicht gleich sein können. Die, die es aufgegeben haben sich anpassen zu wollen und sich stattdessen dazu entschlossen haben, die Freakflagge hochzuhalten. Ich mag die, die sich damit abgefunden haben, dass sie nie einer von vielen sein werden. Die mit ihren Ecken und Kanten und Quirks und Falten und Dellen umso heller strahlen. Mich zieht das an, was ich noch nicht verstehe, ich will das umarmen was ich seltsam finde, euch irgendwo in der Mitte treffen und anstatt „komisch“ sagen „das ist aber interessant“. Ich will mich mit euch gemeinsam kaputt lachen über das, was die anderen als normal bezeichnen. Wir kennen die Regeln und rauchen sie dann gemeinsam in der Pfeife und dann machen wir unsere eigenen. Weil wir es können. Weil wir sowieso nie so sein werden, wie sie uns haben wollen. Wir, das sind die, die schon immer eine Frage mehr hatten und keine Lust haben, sich mit einfachen Antworten zufrieden zu geben.

Wir, das sind genau die, die jetzt von den Trump- und AfD-Kindern auf dem Pausenhof verdroschen werden. Und genau deswegen ist Sex ein Politikum, und deswegen ist jetzt die Zeit, noch viel, viel politischer zu werden.

Ich wünsche mir hier mehr Offenheit für eine noch offenere Welt. Ich wünsche mir Klarheit, mit der wir unsere eigenen Grenzen kommunizieren. Ich wünsche mir mehr Perspektiven, mehr Andersartigkeiten und mehr Sichtbarkeit. Mehr Mut. Ich wünsche mir, dass der Freiraum für sexuelle Gedanken in 2017 noch so viel freier wird. Und dazu brauche ich Deine Hilfe.

Sei doch so lieb und füll diesen Fragebogen aus – ewige Liebe und die Aussicht auf ein Fun Factory Toy sind dir sicher. Lass uns die Welt gemeinsam wieder ein kleines Stückchen besser machen. Damit wir im kommenden Jahr morgens voller Euphorie aus dem Bett springen und richtig krass stolz sein können.

 

Ich freu mich so, von dir zu hören. Danke fürs Dasein und Mitlesen, du Freak. Du bist übrigens wunderschön. Genau so, wie du bist.

 

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

 

Theresa ist Journalistin, Digitalnomadin und die Gründerin von Lvstprinzip. Sie mag Hendricks Tonic mit viel Gurke und selbstironische Männer mit Bart.

5 Kommentare

  • Antworten Februar 5, 2017

    Bella

    Danke <3

  • Antworten Februar 22, 2017

    Corpostrano

    Naja, eine behinderte Sexualität und Normalomanie (Herdentrieb?) sind das Eine. Ein wesentliches Anderes sind die (Tendenzen zu) Psychopathien der Betreffenden – die kleinen der Kleinen und die großen der von den Kleinen zu ihren Stellvertretern auserwählten „Großen“.

    Und sofort stellt sich mir die Frage, ob das Eine nicht doch eher der Begleitumstand des Anderen ist, denn seine Ursache? Psychopathen fühlen sich von Andersdenkenden und -empfindenden immer angegriffen, gekränkt und verletzt. Sie vertrauen auch niemandem außer sich selbst und ihrer Fähigkeit, andere zu manipulieren. Solche Menschen können keine normale Sexualität haben, solange sie nicht bestimmen, was normal ist. Im Kleinen oder im Großen.

    Da eine freie Sexualität aber ganz viel mit beiderseitiger Verletzbarkeit, Achtsamkeit, Annahme, Achtung und Vertrauen zu tun hat, ist sie für solche Menschen unerträglich, wenn sie darin und damit nicht stattdessen ihre Macht inszenieren können, vom Verkünder bis zum Vergewaltiger, vom Propheten bis zum Präsidenten. (Und wenn auch von -innen, dann sehe ich eher Anhänger-innen.)

    Man kann sich politisch wohl nicht darauf beschränken, von artiger und unartiger Sexualität zu schreiben, sondern muss dann auch die wirklichen Abartigkeiten diskutieren, die die Sexualität instrumentieren, sie als Mittel zum (ganz anderen) Zweck einsetzen.

  • Antworten Mai 1, 2017

    Jürgen

    O.k. ich habe einen Bart, wo kann ich mich anstellen? Sehr cooler Text, das könnte mich zum Heulen bringen.

  • Antworten Mai 3, 2017

    Jurgen

    Being overwhelmed by them is more like it. It takes a woman to let it happen, seriously.

    Jetzt mal ganz unironisch und ganz im Ernst:

    Wilhelm Reich war am Ende völlig durchgeknallt, ist schon lange nicht mehr in Mode und sicher zu Recht fast vergessen, aber soweit hatte er doch recht: Sex und damit auch das Schreiben über Sex ist politisch.
    Man muss sich nur anschauen, was Facebook so mit nackten Brüsten treibt und welches unglaubliche Maß an Gewalt in allen Medien andererseits problemlos durchgeht. Vorgestern habe ich mit meiner Tochter eine Stunde die Hunger Games mitgeschaut. Nichts gegen Jennifer Lawrence, im Gegenteil, aber trotzdem, mir ist fast schlecht geworden. Lange ertrage ich sowas nicht. Das hat natürlich gar nichts mit unserer Konkurrenzgesellschaft zu tun, das so ein Film so enorm erfolgreich ist.

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