All the women in me are tired: eine Übung in Empathie

Der Montag beginnt mit Bauchkrämpfen. Die Pille Danach fickt mich weg. Ich bin froh, dass es sie gibt, froh, dass der Typ mit dem das Kondom abgerutscht ist, so caring und woke war und der Sex, bei dem es passiert ist, so wahnsinnig innig und gut kommuniziert.

Feministen ficken besser, Feministen diskutieren nicht über Kondome, Feministen fragen “gefällt dir das grad oder hast du Wünsche?”, Feministen wissen wie viel die Pille danach kostet und geben dir – no questions asked – die Hälfte dazu. Und meine Freundinnen so “awwww”, wie wir uns halt traurigerweise immer noch oft über Dinge  freuen, die eigentlich wirklich eine Selbstverständlichkeit sein sollten. Romantik ist 2018 kein Blumenstrauß, sondern selbstbestimmte Sexualität mit Menschen, die genau ihre Hälfte der Veantwortung dafür einfach selbstverständlich übernehmen, ohne das man das irgendwie explizit einfordern müsste.

Nehmen muss ich den Shit biologiebedingt natürlich trotzdem selbst, und dazu die Bauchkrämpfe und die Dünnhäutigkeit, die nicht hilft, als ich jetzt wieder aufs Handy schaue.

“Du warst immer schon eine Schlampe. Und total prüde” schreibt mir jetzt mit absolut bestechender Logik die Exaffäre von vor vierzehn fucking Jahren, der ich gerade mitgeteilt habe, dass ich wirklich kein Bedürfnis habe, das mit uns beiden jetzt und sofort fortzusetzen. Bisschen emotional, finde ich. Vielleicht die Hormone.

Es ist Montagmittag, ich diskutiere mit meiner Agentin die Entscheidung, meine persönliche Geschichte nicht in Romanform zu veröffentlichen, weil es verdammtnochmal 2018 ist und es inzwischen okay sein muss, zu dem zu stehen, was man erlebt hat. Von Lektoratsseite wird meine Entscheidung angezweifelt, so wie Erfahrungen von Frauen derzeit eben generell ganz gern angezweifelt werden. “Das ist keine Formalie, das ist ein Politikum” schreibe ich.

Es ist Dienstag, und die österreichische Politikerin Sigi Maurer wird zu 7000 Euro Strafe verurteilt, weil sie die extrem obszönen und sexistischen Nachrichten, die ihr ein Bierladenbetreiber über Facebook geschickt hat, per Screenshot auf Twitter veröffentlicht, nicht beweisen kann, dass er die Nachrichten tatsächlich selbst geschrieben hat und von ihm daraufhin verklagt wird. Der Richter glaubt zwar auch, dass der Bierladenbetreiber lügt, seine Interpunktion lässt sich scheinbar relativ eindeutig zuzuordnen, er verurteilt Maurer aber trotzdem, weil die keine Schuldeinsicht zeigt. Mildernd rechnet er ihr allerdings an, dass sie “für besseren rechtlichen Schutz für alle derart Belästigten kämpft, übrigens ihre “achtenswerten Beweggründe” an – “genauso wie Tierschutz” ein solcher achtenswerter Beweggrund sein hätte können.” (Quelle)

Opfer sexualisierter Gewalt und Belästigung werden jetzt in Österreich also vor Gericht mit Tieren gleichgestellt. Herzlich Willkomen im Patriarchat.

Es ist Mittwoch. Ich laufe ins Büro. Auf der Straße rempelt mich ein Mann an, erklärt mir im Vorbeigehen, dass ich zu große Schritte mache. Um schneller laufen zu können, müsse ich kleinere Schritte machen. Thanks for Sharing. Der Papst setzt derweil Abtreibung mit Auftragsmord gleich.

Abends trinke ich mit einer meiner schönsten Freundinnen Gin Tonic. Sie erzählt mir, dass sie mit 13 in einer Umkleidekabine von einem Jungen beleidigt wurde und sich deswegen bis heute jedes Mal entschuldigt, wenn ihr jemand zum ersten Mal den BH auszieht. Was der Typ damals zu ihr gesagt hat, kann sie bis heute nicht wiederholen.

Es ist Mittwochnacht. Ich laufe nach Hause. Ich laufe langsamer, weil vor mir ein offensichtlich angetrunkener Mann geht. Ich laufe einen Umweg, leise, damit er mich nicht bemerkt. Ich hatte zwei Gin Tonic und trage keinen kurzen Rock und wie immer nachts eine Jacke, die über meinen Arsch geht. Ich bin müde. Und wütend.

Es ist Donnerstag, ich arbeite in einem Café. Ich höre am Nebentisch einer Frau zu, die einem Mann erklärt, warum wir Frauen im Moment so wütend sind. Sie beschwört immer wieder, dass sie nicht übertreibt, erzählt von den Dingen, die sie erlebt hat, die ihre Freundinnen erlebt haben, dass das echt so passiert ist, und das es schlimm ist. Dass er mit Migrationshintergrund so etwas doch vielleicht auch kennt, strukturelle Ungerechtigkeit und so. Dann bitte sie ihn um Entschuldigung dafür, dass sie ihn jetzt hier mit ihren Erfahrungen traumatisiert. Der Mann sagt: ich muss mal eben aufs Klo.

Einer meiner Leser, Andi, schrieb mir einen extrem empathischen Kommentar zu meinem viralen (lol) Kondom-Artikel von neulich. Erklärt, entschuldigt sich, argumentiert mit Unwissenheit und mangelnder Kommunikation. Und schreibt:

Ich könnte noch dutzend andere Beispiele nennen, aber das würde den Beitrag hier sprengen. Worum es mir eigentlich geht ist, dass wir alle vielleicht überlegen sollten, welche Worte wir benutzen, wenn wir über ein Problem sprechen. Ich würde mich freuen, wenn ich einen dieser vielen Artikel von Frauen lesen dürfte und nicht danach das Gefühl haben müsste, mich für mein Geschlecht zu schämen. Auch wenn ich mich in diesem Moment gar nicht zu dieser Sorte Männer zähle. Manchmal möchte ich von euch Autorinnen einfach nur an der Hand genommen werden, damit man mir zeigt, was man besser machen kann, ohne im selben Atemzug vielleicht dafür verurteilt zu werden.

I feel you Andi, wirklich. Ich würde pi mal Daumen schätzen, dass 85% meiner Texte auf Lvstprinzip einer freundlich-positiven-konstruktiven einer wie-auch-immer-identifizierten Leserschaft auf gar keinen Fall unangenehm aufstoßen. Aber gerade bin ich zu wütend. Und müde. So wie alle Frauen, die ich kenne. Und dafür kann ich mich nicht auch noch entschuldigen. Und es die ganze Zeit erklären, immer und immer wieder. Denn das fällt unter emotional Labor und die kostet mich gerade sehr viele unbezahlte Überstunden. Dass yes, all women, so was erleben, die ganze fucking Zeit, not all Men daran schuld sind, ja, viele auch betroffen und auch nicht alle Frauen Engel, aber das strukturelle Ungleichgewicht dann eben doch dafür sorgt, dass wir nicht ständig auf der Staße lächeln und schnell genug laufen dabei?
Andi, um zurück auf deine Frage zu kommen, ob du dich für dein Geschlecht schämen solltest: weißt du noch, damals im Geschichtsunterricht? Wenn du wie ich in Deutschland zur Schule gegangen bist, hast du vermutlich jahrelang über den Holocaust gelernt. Warst mal am Wandertag im KZ, ich war in zweien, hast einen Überlebenden sprechen hören, und dass so was nie, nie, nie wieder passieren darf. Hast die Augen gerollt weil ganz ehrlich, du warst damals ja nicht dabei, oder? Müssen wir das wirklich immer und immer wieder durchkauen, diese Erbsünde, auch wenn das ja gar nichts mehr mit uns und unsere Lebensrealität mehr zu tun hat?
In beiden Fällen geht es darum, Bewusstsein zu schaffen. Für die eigenen blinden Flecken und die eigenen Privilegien.
Wie sich das anfühlt, so privilegiert zu sein, habe ich selbst erst verstanden, als ich nach Bangkok gereist bin. The Big Mango ist auch deshalb eine meiner Lieblingsstädte, weil ich mich in diesem Acht-Millionen-Moloch zu keiner Tages- oder Nachtzeit, keinem Outfit und keinem Trunkenheitszustand je auch nur irgendwie unsicher gefühlt habe.
Ich bin hier groß, egal, neutral. Man lässt mich ganz einfach in Ruhe, wenn man nicht gerade versucht, mir eine Tuktukfahrt aufzuschwatzen. Ein unfassbares Gefühl der Freiheit. Als ich eines Abends mit meiner Poolbekanntschaft Brian aus Kanada eine Straße hinuntergehe, sagt er: Ich bin so froh, dass du mit mir hier lang läufst, sonst haben mich bis hierher schon mindestens 20 Nutten angelabert und betatscht.
Wait, what? Prostituierte? Ach so ja, die Girls vom Nagelstudio. Mir nicken sie nett zu, sonst nichts. Schon tausendmal hier lang gelaufen, genau nichts gerafft, weil, warum auch?
Ein Privileg bedeutet, dass man etwas nicht mitbekommt, weil man nicht betroffen ist. Empathie bedeutet, dass man versucht, es zu verstehen und das eigene Verhalten entsprechend anzupassen.
Ich date einen Mann mit nigerianischem Migrationshintergrund. Ich spiele mit seinen Haaren. Er sagt mir, ich darf das nicht. Ich bin angepisst, weil ich Haare liebe. Mir zu sagen, ich darf deine Haare nicht anfassen ist ungefähr so, als mir zu verbieten, deinen Penis anzufassen. Like, what´s the point? Ich frage eine POC-Freundin, sie nur so whooah, Haare, GANZ schwieriges Thema. Zwei Wochen später bringt Solange ein Lied raus: Don´t touch my hair.
Ich lerne, warum Politik manchmal wichtiger ist als meine persönliche Vorliebe. Und wie man sich eines Privilegs bewusst wird und daraufhin versucht, kein Arschloch zu sein.
Und genau das erwarte ich von dir, Andi, und von allen anderen Männern, die ich derzeit irgendwie erstaunlich leise finde. Die sich meiner Meinung nach wirklich nicht genug darüber aufregen, was eigentlich passiert, was immer schon passiert ist, und jetzt endlich thematisiert wird.
Männer sind nicht per se scheiße, genauso wenig wie Frauen per se toll sind, es ist die Struktur, die dafür sorgt, dass die Hälfte von uns wütend ist und Angst hat, und die andere Hälfte gerade irgendwie wenig mehr tut als “voll blöd aber nicht meine Schuld, ich wars nicht und hab jetzt auch keine Lust, mich die ganze Zeit verantwortlich zu fühlen” zu sagen.
Das reicht einfach nicht mehr, schon lange nicht mehr. Müssen wir euch echt erklären, dass es auch eure Frau, eure Tochter, eure Mutter sein könnte, die sich mit dieser ganzen Scheiße herumschlagen muss, weil es nicht reicht, dass es 51% der Menschheit betrifft? Wieso fällt es euch eigentlich so viel leichter, gegen Fremdenhass auf die Straße zu gehen als gegen Frauenhass?
Es ist Freitag, und ich bin verkatert und so fucking müde von dieser Woche. Ich habe gerade erfolgreich mehrere Kooperationspartner auf November vertröstet, weil es mir absolut unpassend vorkommt, in diesem Klima über Hookups und Toys und Phantasien zu bloggen. Mich haben diese Woche ungefähr zwanzig Frauen gefragt, wie es mir mit all dem geht, und genau drei Männer, deren Namen ich mir dafür in die Bettwäsche sticken möchte.
Ganz ehrlich Jungs, da geht noch was. Ich erwarte mehr von euch.
“Aber was können wir tun?” kommt dann oft.
Ist ganz einfach eigentlich. Fragt, wie es uns geht. Ob wir darüber reden wollen. Geht einfach mal als Default Mode davon aus, dass die Frauen in eurem Umfeld in irgendeiner Form sexualisierte Gewalt und Übergriffe erfahren haben, erwartet nicht, dass wir drüber reden wollen aber freut euch, wenn wir euch genug vertrauen, dass wir es tun. Wenn wir es tun, glaubt uns einfach mal, dass wir uns das jetzt nicht ausgedacht haben, überlegt euch besser zweimal, ob ihr bei einem Diebstahl auch “naja aber es gibt ja immer zwei Seiten…” sagen würdet. Macht euch ein bisschen schlau, was Traumatisierung und Retraumatisierung angeht.
Fragt, ob ihr was tun könnt für uns. Uns irgendwie was davon abnehmen. Manchmal reicht es, uns einen Drink hinzustellen und uns eine Stunde beim Schimpfen zuzuhören. Manchmal wäre es auch ganz nice, wenn euch strukturelle Ungerechtigkeit auch auffällt, und ihr laut sagt, dass das gerade echt ungerecht ist – und zwar nicht nur, wenn es ausnahmsweise mal euch betrifft und nicht uns.
Lest euch mal ein, damit ihr die Zusammenhänge besser verstehen könnt. Laurie Penny, Mithu Sanyal oder Naomi Alderman, zum Beispiel.
Schaut euch den Film “Female Pleasure” im Kino an, der meiner Meinung nach eher “Scheiße, die Females seit Jahrtausenden auf der ganzen Welt von ihrem Pleasure abhält” heißen müsste.
Ich bin der Inbegriff eines Privilegs. Deutsche Mittelschicht, Akademikerkind, konfessionslos erzogen, zwei Studienabschlüsse, besserverdienend, in keinem abhängigen Arbeitsverhältnis. Ich habe den besten Reisepass, den man haben kann und lebe in einem der reichsten Länder der Welt. Ich habe woke Sexualpartner jeden Geschlechts und jederzeit genug Geld für ein Round-The-World-Ticket auf dem Girokonto. Ich habe mir meine 200 Euro Foliensträhnchen abgeschnitten und laufe fast nur noch ungeschminkt und in Sneakers und Jogginghosen rum. Ich bin unterm Strich wirklich mit Abstand einer der freisten Menschen, die ich kenne.
Ich erkenne meine Privilegien also hiermit offiziell an und erwarte von euch jetzt, dass ihr dasselbe tut. Dass ihr versteht, waum ich unterm Strich eine relativ beschissene Woche hatte, jetzt relativ müde bin, und ich mich nicht für meine Wut entschuldigen werde. No I will not dial down the feminism. You´ll need to step up your game. Danke.
Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

18 Kommentare

  • Antworten Oktober 12, 2018

    Andrea Hanna

    Wie geil bist du denn eigentlich !!!!!
    Was für ein Text und ich kann das alles so gut nach fühlen.

    Die Solzialisation unserer Gesellschaft und die Stereotypen dazu gehören mächtig generalüberholt. #daswirdnocheinlangerlangerweg

    • Antworten Oktober 12, 2018

      Theresa

      Danke liebe Hanna – selber geil <3 ja, da müssen wir wohl durch. Aber immerhin gemeinsam.

  • Antworten Oktober 12, 2018

    Klaus

    Ich habe diese Woche erlebt, wie Bauarbeiter aus einem Gebäude vorbeigehenden Frauen dummes Zeug hinterherriefen und leider nichts dazu gesagt. Habe nach Lesen Deines Textes beschlossen, den Arbeitgeber darüber zu informieren, welches Bild seine Firma in der Öffentlichkeit abgibt. Danke!

    • Antworten Oktober 14, 2018

      Theresa

      Danke Dir, Klaus. Das ist eine wirklich gute Idee <3

  • Antworten Oktober 13, 2018

    Franziska

    Klasse… Habe gerade Gänsehaut…. No more to say…

  • Antworten Oktober 13, 2018

    Joda

    Jedesmal wenn Facebook mir deinen Blog in den Feed spült freue ich mich wie ein veganes Honigkuchenpferd.

    Anfangs kam ich über die kinkeren Aspekte zur Lvst. Mittlerweile bin ich da und gedenke zu bleiben, wegen der feministischen Attitüde. Die sich in meinem Repertoire an Tier- und Menschenrecht sehr gut aufgehoben fühlt.

    Ich versuche nach- oder eher mitzufühlen und begangene Fehler zu analysieren und meine Position dazu für die Zukunft zu fundieren. One blog at a time so to say.

    Danke für die Texte, sie rütteln regelmässig den Kalk von meinen Synapsen.

  • Antworten Oktober 13, 2018

    Teresa

    Danke, Schwester <3 fürs benennen, beschimpfen, Finger drauf legen und fürs wütend sein. Es ist eine gute Zeit um wütend und müde zu sein.

  • Antworten Oktober 13, 2018

    Siri

    Großartig.
    Geschrieben und der Inhalt.
    Make some noise.
    Danke!

  • Antworten Oktober 13, 2018

    Tung

    Danke für einen weiteren Schritt der “Erleuchtung” um ein besserer Mensch zu werden …evtl. ist das Wort zu weit gegriffen aber gerade finde ich kein besseres. Weiter so dein Blog verplasst nicht in der Unendlichkeit des Internets.

    Gruß Tung (Geschlecht: männlich)

  • Antworten Oktober 13, 2018

    Jana

    Danke!

  • Antworten Oktober 14, 2018

    Kathie

    Danke! Du stiehlst mir die Worte und Gedanken die sich in meinem Kopf noch nicht mal ganz ausformuliert hatten. Ich bin selber schon so müde. Ich hab so gar keinen Bock mehr wegen Kleinigkeiten zu diskutieren und die Schulter zu sein für die weinenden Männer die gerade dabei zusehen müssen wie sie einige der Privilegien von denen sie nicht mal wissen dass sie sie haben “verlieren”.
    Du bist grad meine Heldin! Es hilft zu wissen, dass man nicht alleine ist!

  • Antworten Oktober 14, 2018

    Pierre

    ja

    <3

  • Antworten Oktober 15, 2018

    Bastian

    Ich finde das sehr gut geschrieben. Ich habe letzte Woche zusammen mit meiner Frau auf einer Messe gearbeitet. Wir haben kleine Gerichte zur Verkostung gekocht. Dabei würde ich mehrfach gefragt, ob ich Koch der Firma bin oder externer Koch. Immer mit der Selbstverständlichkeit, dass ich der verantwortliche Koch bin und meiner Frau die Assistentin/Aushilfe/von mir aus auch gelernte, angestellte Köchin. Grundsätzlich gingen die Leute davon aus, dass ich in der Hierarchie über ihr stehe. Ist mir da nochmal besonders ausfgefallen. Grundsätzlich finde ich aber viel kritikabler, dass diese Sichtweisen/Einstellungen/Vorurteile/whatever in unserer Gesellschaft häufig in Positionen mit Macht ausgestattet werden (Personalchefs, Richter, Polizisten, Lehrer…), die dann eben diesen Sexismus geltend machen, da sie Entscheidungen mit gesellschaftlichen Konsequenzen treffen. Da bekommen das dann Leute in ihrer tatsächlichen Lebensqualität systematisch zu spüren. Also auf gesellschaftlicher Ebene sind Verhältnisse eingerichtet, die es wenigen Leuten ermöglichen über die Lebensverhältnisse von vielen zu entscheiden (und das häufig zu deren Ungunsten). Dass diese Entscheidungen jetzt häufiger Frauen als Männer benachteiligen setzt dem ganzen noch die Krone auf. Was ich sagen will ist: es gibt aus meiner Sicht zwei Baustellen: zum einen die Einstellung in den Köpfen aller Leute, zum anderen die gesellschaftliche Struktur. Also Wirtschaftssystem, Rechtssystem etc. Denn solange ein Personalchef in einem Wirtschaftssystem arbeitet, dass auf Profit und Kapitalverwertung aus ist, wird er nach diesen Maßstäben entscheiden, wer für seine Firma einen Job bekommt und wer nicht. Und dabei ist erstmal egal, ob er mehr Frauen oder Männer einstellt. Da ist das Problem, dass er wenige Menschen einstellt und viele Menschen nicht. Die dann eben kein Einkommen für ihren Lebensunterhalt beziehen. Dass diese Positionen in unserer Gesellschaft jetzt überwiegend mit Männern besetzt sind, die zum großen Teil dann auch keine Feministen sind, kommt doch dann noch oben drauf. Ich will sagen, dass nicht nur an einem Umdenken in den Köpfen in Bezug auf Geschlecht/Sexualität/Hautfarbe usw. gearbeitet werden muss, sondern auch an einem Umdenken in Bezug auf gesellschaftliche Struktur. Denn solange ein Richter einer Frau sagt, wie sie empfinden soll und ein Polizist ein Vergewaltigungsopfer verhört und verdächtigt, vielleicht doch selbst schuld zu sein, und ein Chef einer Frau weniger Geld bezahlt, weil sie evtl. schwanger werden kann etc, kann doch nix vernünftiges dabei raus kommen. Sorry fürs zuspammen, hab jetzt einfach drauf losgeschrieben.

  • Antworten Oktober 15, 2018

    Jette

    Amen. Ich bin genauso wütend und müde, habe jetzt aber dank dir auch die passenden Worte dazu für meine Mitmenschen. ‘Privileg’ ist ein sehr gutes Stichwort. Ich danke dir!

  • Antworten Oktober 15, 2018

    Anonymous

    Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, deinen Text zu feiern. Krass gut, krass auf den Punkt, Nagel, Kopf, getroffen, 100 fucking Prozent. Werde just in diesem Moment meinen Freund zwingen, sich den reinzuziehen. Er ist ziemlich doll feministisch, aber ihm deinen Text nicht zu zeigen, wäre eine Verschwendung vor dem/r HerrIn. Einfach nur danke.

  • Antworten Oktober 16, 2018

    zissa

    so. fucking. yes.
    ich danke dir für diesen wundervollen beitrag.

  • Antworten Oktober 17, 2018

    Kathi

    Super Text!!!! Auf den Punkt, ich würde heute von meinem Chef in der Arbeit angeschrien bin also auch wütend und müde! Und mir drängt sich schon auf ob er einen Herren genauso anschreien würde wie mich. Es ist 2018 und auch verbale Kommunikation sollte gewaltfrei sein!

  • Antworten Oktober 18, 2018

    Heiko

    Theresa dein Text ging mir unter die Haut.
    Ich hab ihn drei mal gelesen um sicher zu gehen das ich auch wirklich verstehe.
    Ohne deinen Text in irgendeiner weise schmälern zu wollen möchte ich meine Themen der letzten Monate aufzählen.

    Mir erging es ähnlich wie Dir bei folgenden Themen:

    Arbeitgeber / Arbeitnehmer / Arbeitslos
    Arm / Reich,
    Westen /Osten,
    Links / Rechts,
    Norden / Süden, kontinental betrachtet!
    Autofahrer / Radfahrer / Fußgänger
    Fleischesser / Vegetarier/ Veganer,
    Umweltschützer / Umweltverschmutzer
    Stichwort Fremdenhass wurde von Dir schon benannt.

    warum nun nicht auch Frau und Mann?

    Bei den vielen Problemen die, diese moderne Gesellschaft hervorgerufen hat, stellt sich immer mehr die Frage wer hier überhaupt noch den Duchblick hat.
    Wer hat den Mut, die Energie, die Zeit sich diesem vielfältigen Problemen zu Stellen und vorallem richtig zu handeln.
    Ich habe mich an meine eigene Nase gepackt!

    Ich glaube nicht das allein die hier benannten, “nicht- oder dochbekannten“ Privilegien Urvater aller Probleme sind.
    Viel mehr glaube ich das es die Übergriffigkeit auf die Persönlichkeit des Einzelnen ist.

    Ich erlebe immer wieder, wie mir bekannte Menschen, sehr leicht, sehr häufig, in eine Abwertung gegenüber anderer Menschen abrutschen.
    Nach meinem Empfinden fängt das schon beim bloßen Gedanken an und geht beim hinter der vorgehaltener Hand getuschel in Richtung Nachbar weiter.
    Bis hin zum offen gezeigten Feindbild die nicht selten in Gewalttaten münden.

    Lästern, Lustigmachen, stigmatisieren, alle über einen Kamm Scheren, ohne sich klar darüber zu sein das hinter jeder Person eine Persönlichkeit steckt die einfach ihr ganz normales Leben führen möchte, die darauf hofft das Ihr Herz berührt wird, die dann aber erleben muss das in die persönliche Privatsphäre eingedrungen wird (also unberechtigt Übergriffig wird) wird vermutlich sich dann auch so verhalten.

    Ich selbst schreibe mich nicht davon frei, auch ich kann lästern und mich lustig machen (Leider immer noch). Doch Arbeite ich seit vielen Wochen daran meine Gedanken, Handlungen und Gesten davon zu befreien. Viel eher über Hintergründe und ursachen Gedanken zu machen. Reagiere gelassener im Straßenverkehr. Helfe da wo meine Unterstützung erforderlich ist. Achte also mehr auf mich und meine Handlungen!

    Wichtigste erste Erfolge:
    – die Menschen sind mir viel zugewander und offener als sonst
    – mein Verständnis für ander ist seit her maßgeblich gestiegen

    Liebe Grüße
    Von Heiko

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