Besser im Bett dank Vaginismus – ein Text von Leonie

Ich weiß nicht, wie sich Penetration anfühlt. Ich bin 23 Jahre alt, seit knapp vier Jahren in einer Beziehung mit meinem Freund, und ich habe eine sexuelle Funktionsstörung: Vaginismus. Die sorgt dafür, dass ich nichts in meine Vagina einführen kann, weil selbst mein kleiner Finger sich dann anfühlt wie eine Glasscherbe.

Kein Wunder, dass da kein Penis reingeht“

Dass ich „da unten“ ein Problem habe, merke ich so richtig, als ich versuche, das erste Mal mit meinem ersten Freund Sex zu haben. Klar war alles ein bisschen holprig, aber es fühlte sich auch gut an. Ich war bereit. Meine Vagina leider nicht. Jedes Mal wenn er versuchte, in mich einzudringen, tat es furchtbar weh. Doktor Sommer hatte mich ja davor gewarnt, dass es ein bisschen schmerzen kann. Aber doch nicht so. Der Schmerz war so schlimm, dass wir keine Penetration hinbekamen. Vielleicht nur Startschwierigkeiten und zu viel Aufregung, dachte ich damals. Nachdem die nächsten Versuche auch fehlschlugen, ging ich zu meiner Gynäkologin. Mir war das alles super peinlich.

Während ich auf dem Untersuchungsstuhl saß, sagte sie „Na so wie Sie da anspannen, kann ich sie gar nicht untersuchen. Kein Wunder, dass da kein Penis reingeht.“ Ihre Empfehlung: mehr Gleitgel und erstmal mit Tampons probieren.

Danke. Für. Nichts.

Meine Google-Diagnose

Dass „mein Problem da unten“ einen Namen hat, erfuhr ich durchs Internet. Ich googelte meine Symptome und kam zu dem Begriff „Vaginismus“. Laut Wikipedia „eine unwillkürliche Verkrampfung oder Verspannung des Beckenbodens und des äußeren Drittels der Vaginalmuskulatur der Frau, wodurch der Scheideneingang eng oder wie verschlossen erschein“. Kann in sekundärer Form auftreten, also wenn zu einem früheren Zeitpunkt Penetration möglich war und aktuell Penetration möglich, aber schmerzhaft ist. Oder primär, dann war der Vaginismus schon immer da und ein Eindringen ist nicht möglich.

Check! Das bin ich. Geschätzt 15% aller Frauen sind zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens von einer Ausprägung betroffen. Ich fand einige Artikel und sogar Buzzfeed-Videos. Ich bewunderte die Frauen, die dort öffentlich über Vaginismus berichteten.

Also wenn mir noch ein Arzt erzählt, ich solle mehr Gleitgel benutzen, muss ich leider ein Spekulum nach ihm werfen

Es dauerte nochmal eine ganze Weile bis ich durch meine Recherche einen Spezialisten in meiner Nähe fand. Der bestätigte meine Google-Diagnose: primärer Vaginismus. Er verschrieb mir betäubendes Gel und eine Art Ballon, den ich einführen und aufpumpen soll, um die Vagina zu dehnen. Nice try. Ich bekam zu dem Zeitpunkt nicht mal einen Minitampon in mich und dieses Ballon-Ding war enorm! Was mir wirklich hilft, konnte mir keine medizinische Fachkraft empfehlen, sondern andere Betroffene in einer Facebook Gruppe.

Das Schmerzgedächtnis und ich

Mittlerweile habe ich eine Physiotherapie gemacht, in der ich gelernt habe, den Beckenboden zu entspannen. Quasi das, was junge Mütter nach der Geburt machen, nur umgekehrt. Die Physiotherapeutin empfahl mir damals, mal eine Sexualtherapie bei einer Psychotherapeutin zu machen. Bis dahin hatte ich das nicht in Erwägung gezogen, weil der „Spezialist“ meinte, wenn kein Trauma als Grund vorliegt, dann bringt das auch nichts. Mir jedoch schon.

Ich habe gelernt, dass es zwar keinen alleinigen Auslöser für meinen Vaginismus gibt, aber doch viele kleine Puzzleteile: die Angst davor, schwanger zu werden und die Angst vor Schmerzen bei Penetration zum Beispiel, eine schmerzhafte erste Untersuchung bei der Gynäkologin, die sich dann ins Schmerzgedächtnis brennt. In der Therapie kann ich außerdem aufarbeiten, was Vaginismus mit meinem Selbstwertgefühl und meiner Libido macht. Das tut alles sehr gut. Zusammen mit den Beckenbodenübungen aus der Physio und meinem neuen Dilatorenset habe ich gute Fortschritte gemacht.

Kleine Dildos

Dilatoren sind wie Dildos in verschiedenen Größen, mit denen man übt, etwas einzuführen. Der Kleinste ist etwa so groß wie ein Zeigefinger und der Größte in etwa wie ein Penis. Durch das kontrollierte Einführen, was sich nicht schmerzhaft, sondern eher neutral anfühlt, bringt man dem Schmerzgedächtnis bei, Penetration nicht mehr mit Schmerzen zu verknüpfen. Wenn man bei der größten Größe angelangt ist, kann man dann langsam zum penetrativen Sex übergehen oder sich beim Gyn untersuchen lassen. Denn auch die Untersuchung mit Spekulum ist in meinem Fall unmöglich, weil zu schmerzhaft. Das ist für mich auch der Hauptgrund, meinen Vaginismus zu heilen.

Du bist keine Bürde

Mein jetziger Freund und ich haben nämlich viele andere Wege gefunden, Sex zu haben. In meiner Beziehung hatte und habe ich immer noch manchmal das Gefühl, eine Bürde zu sein. Ich bin eine Frau in einer Heterobeziehung und das, was man gemeinhin unter Hetero-Sex versteht, kann ich nicht. Erstmal ein Downer. Muss es aber nicht sein.

Jeder Mensch bringt emotionalen Ballast in eine Beziehung mit. Das ist vielleicht weniger offensichtlich als etwas wie Vaginismus, erfordert aber auch emotionale Arbeit und kann einschränken. Außerdem kann man hier auch überlegen, was man selbst machen würde, wenn der Partner eine Einschränkung beim Sex oder vielleicht auch in einem anderen Lebensbereich hätte. Ich selbst bin zu dem Schluss gekommen, dass ich ihn deshalb auch nicht weniger lieben würde. Klar muss man mehr in eine Beziehung investieren, aber das ist es mir wert.

Under pressure? Bitte nicht!

Mein Freund macht mir auch keinen Druck, dass ich das unbedingt schnellstmöglich in den Griff bekommen muss. Würde er das machen, wären wir aber auch nicht mehr zusammen. Druck ist nämlich sehr kontraproduktiv, wenn man lernen soll sich zu entspannen. Und: Menschen können sagen, dass Penetration ihnen super wichtig ist. Aber so jemand kann halt nicht mein Partner sein. Viele Frauen mit Vaginismus glauben, sie müssen sich von ihren Partnern Druck oder schlechtes Verhalten gefallen lassen, weil sie ja auch trotz des Vaginismus mit ihnen zusammen sind. Ich verstehe, wo das herkommt, aber möchte euch aus den genannten Gründen sagen: Das ist Bullshit.

Menschen mit sexuellen Funktionsstörungen sind besser im Bett

Mein Freund und ich sind seit knapp vier Jahren zusammen. Als Lvstprinzip-Leser*in traue ich dir jetzt mal ein kreatives Verständnis von Sexualität zu und trotzdem fragst du dich jetzt vielleicht: Wie hält der das so lange aus? Meine Therapeutin hat mal den schönen Satz gesagt „Menschen mit sexuellen Funktionsstörungen sind die besseren Liebhaber“. Sie müssen nämlich zum einen klare Grenzen setzen „Penetration ist nicht möglich“ und zum anderen genau benennen, was geht und was Spaß macht. „Ich mag’s wenn du mich leckst. Und danach könnte ich mich auf dich setzen und an dir reiben“. Auch ohne Penetration können zwei Menschen sehr viel Spaß haben.

Wenn du selbst betroffen bist, oder einfach so noch mehr wissen willst, schau gerne auf meinem Instagram-Kanal @vaginismus.hilfe vorbei.

Text: Leonie

Bild: Scoopio

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

Ein Kommentar

  • Antworten Januar 16, 2020

    Corpostrano

    Ich (männlich, hetero) provoziere gerne mit dem Satz “Stöpselsex wird allgemein überschätzt, nicht nur von Männern!” Je nach Kontext oder Kontra schicke ich auch noch den Paläosex (Volkmar Sigusch) in den Ring…

    Mein eigentlicher Punkt ist, dass man sich sexuell auf so einiges gut konditionieren kann – aber nicht(s) muss. Jedenfalls nicht, weil angeblich alle es tun oder weil es “normal” ist. Oder bio-logisch. Oder evolutions-logisch. Oder sozio-logisch. Oder religio-logisch. (Meist irgendwie männlich-logisch…)

    Man muss vielleicht (bei Bedarf) die “richtigen” PartnerInnen finden.

    Ob Menschen mit “sexuellen Funktionsstörungen” * besser im Bett sind, kann ich nicht beurteilen, nur sind mir einige als besonders reflektiert und selbst-bewusst aufgefallen, also nicht manipuliert, noch manipulativ. Schon ohne Bett-Bezug. Sehr sympathisch!

    Alles Gute! May the Force be with you! Your inner force.
    _______________

    * Ich meine damit auch das, was Sigusch Neosexualitäten nennt und was von vielen als Störung empfunden wird, deshalb die Anführungszeichen…

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