Ein Sport-BH – Wie wunderbar!

Es ist Sommerloch und weil noch nicht mal Theresa gerade über Sex schreiben kann, versuch ich’s gar nicht erst. Ich möchte über Sport-BHs schreiben. Das Gegenteil von Sex, quasi.

Ich trage BHs seit ich dreizehn bin. Die ersten vier Jahre davon hätte ich sie mir getrost sparen können, aber alle hatten welche an und die mit dem kleinen Snoopy am rechten Träger waren cool und süß. Ich nicht. Ich versuchte dazu zu gehören und trug BHs und ich war pummelig und trug BHs. Bei Punkt 1 haben mir BHs nicht geholfen und bei Punkt 2 haben BHs mir nicht nur nicht geholfen, sie haben mir zusätzlich wehgetan. In Form zweier kleiner roter Pünktchen neben jeder Brust – an den Stellen, an denen sich die Bügel unbarmherzig in mein überschüssiges, pubertäres Brustfleisch bohrten und machten, dass meine Minibrüste zwar größer aussahen und mehr wie die Minibrüste aller anderen Mädchen in meiner Klasse, aber eben auch, dass ich mich speckig und blöd fühlte.

Ich hasse BHs. Zumindest die mit Bügel. Als meine Brüste endlich groß genug waren um legitimerweise einen BH tragen wollen zu dürfen, hatte ich sie so satt, dass ich morgens gerne weinte, was aber auch nicht mehr half, als Bügel-BHs beim Dazugehörenwollen.

Ich entdeckte Sport-BHs bei Tchibo. Eine Aussage, die vor Erotik nur so knistert. Die ersten waren aus schwarzem Funktionsmaterial, hatten breite Träger, saßen hauteng und pressten meine Brüste schonungslos an meinen Körper. Ich fühlte mich schmaler, ich fühlte mich wohl. Ich gehörte zwar immer noch nicht dazu, aber wenigstens hatte ich keine roten Punkte mehr neben meinen Brüsten.

„Das Problem ist: wenn man einmal hübsche Unterwäsche anhatte, dann muss man beim zweiten mal auch schöne Unterwäsche anzieh’n.“ sagte eine Freundin neulich und wühlte lieblos in dem Haufen aus Spitze, Baumwolle und Viskose, der auf ihrem Bett neben mir lag. Tinderdate. Das zweite mit dem gleichen Kerl. Ich lachte und sagte selbstbewusster als ich erwartet hatte ‚Und das ist der Grund, aus dem ich von Anfang an Sport-BHs trage.‘

Es stimmte. Die Evolution meiner Unterwäschewahl schritt zwar in den letzten Jahren schnell voran, aber das Thema blieb das selbe: Komfort. Während ich mich zwar jetzt nur noch in das Pressmodell mit dem Swoosh auf der Brust zwänge, wenn ich wirklich Laufen gehe, hat der Typ bügelloses Funktionsbustier dennoch gewonnen.

Und ja, ich laufe rot an, wenn sich eine männliche Hand das erste mal unter mein T-shirt verirrt. Dann kichere ich meistens, sage: „Sorry. Musste ‘ne pragmatische Entscheidung treffen.‘ und schäme mich trotzdem ein bisschen. S. kicherte neulich auch: ‚Oh no! A Unibra! Let’s get rid of that one.’, zog mit einem Rutsch das bügellose Funktionsbustier über meinen Kopf und strahlte mich an. ‚Guys don’t really care.’ sagt er dann. ‚We want to get to the boobs, not the bra.‘ Und er bestätigt meinen Verdacht. Es muss eine Kohärenz zwischen entspannten Typen und Toleranz für Funktionsunterwäsche geben. Test bestanden.

Mittlerweile hat sich aus meiner Abneigung gegen das Tragegefühl von ‚schöner Unterwäsche‘ (die im klicheeigsten Fall aus einem Set aus Spitzenstring und hauchdünnem BügelBH besteht) eine Art feministischer Widerstand entwickelt. So lange Kerle mit hellblau gestreiften Baumwollboxershorts vor mir stehen, die sie vermutlich neben meinen Sport-BHs aus dem Tchiboregal gezogen haben, werde ich nichts an meiner Unterwäschewahl (zu der neben dem Funktionsbustier auch das nur manchmal passende Baumwollhöschen gehört) ändern. Nichts.

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Text: Maria von Hübsch

Theresa Lachner ist Journalistin, Systemische Sexualberaterin und die Gründerin von LVSTPRINZIP.

3 Kommentare

  • Antworten Juli 26, 2016

    Jess

    Groooooooßartig! :)
    Vielen Dank für diesen tollen Text!

    Freue mich darauf mehr von dir zu lesen!

  • Antworten Juli 27, 2016

    Josephine

    Ein Hoch auf den Sport BH!!!

  • […] Taktikwechsel. Demnächst werde ich mich in Dinosaurierschlafanzughosen und meinem ausgeleiertsten Sport-BH auf den Rathausplatz stellen, mit einem Schild um den Hals auf dem steht: „Writer 30/180 […]

Leave a Reply