Hallo, wo geht’s denn hier zum unkomplizierten Casual Sex? Mein Sommer im JOYClub

Woran man merkt, dass man gerade den offiziellen Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt des eigenen Liebeskummers erreicht hat? Wenn man schniefend die Whatsapp-Ex-Files nach Sextingfotos durchgeht, die man gecroppt als Profilbilder für JOYclub upcyclen kann.

 

Fuck the Pain away. Basiszutaten: Trotz, sexuelle Unterforderung, zu viel Grauburgunder.

Bonus: eine weltbeste Freundin im Chatfenster nebenan in genau derselben Stimmung, die mitmacht. Endergebnis: Lachanfall beim Screenshot-Battle mit den skurrilsten Anmachen und dem angetrunkenen Plan, irgendwann eine Lesung der unerotischsten Erotikchats abzuhalten. Arbeitstitel: Niveauvoll/Rasiert.

BigFatDick, für vieles offen, so: „Hi, ich weiss nicht wie man hier anfangen soll zu schreiben, damit es nicht gleich blöd rüber kommt, also versuche ich es mit einem einfachen: Hey :)“

Okay ja, hey.

Spoiler Alert: nach einem sehr witzigen Abend allein auf dem Sofa bin ich doch einfach mit einem Toy ins Bett. War dann doch erst mal gesünder, für alle Beteiligten.

Dann ist Sommer und die Welt sieht wieder anders aus: Komplexitätsreduktion is the name of the game. Es ist einfach zu heiß für alles außer Wassermelone, Freibad, Shorts und unkomplizierten Sex. Angespornt von meiner weltbesten Freundin, bei der unsere besoffene Internet-Exkursion Früchte getragen hat, und die jetzt vom schönsten Sex ihres Lebens schwärmt, logge ich wieder bei JOYclub ein.

Diesmal also richtig.

Nichts sagt „ich will mich jetzt verdammt nochmal endlich austoben“ wie ein Profil beim deutschsprachigen Facebook für Sex. Wobei es eher „Waschbrettbauchbook“ heißen sollte, denn Gesichter sieht man hier erst mal eher selten. Dafür zum Ausgleich aber direkt sämtliche Vorlieben, die man nach „will ich unbedingt“ bis „steh ich überhaupt nicht drauf“ kategorisieren kann. Allein das sorgt schon für eine präzise Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und den eigenen Wünschen. Ihr kennt mich, ich bin dafür.

Im anderen Tab klicke ich derweil auf Wellenlinien und beantworte brav, welche davon mir sympathischer ist, ob ich generell lieber in der Natur oder in der Großstadt bin und wie sehr der Kinderwunsch mir schon nachts meinen Schlaf raubt. „Für Singles, die es ernst meinen“ so der Claim von Parship, eine Freundin hat mir eine Probemitgliedschaft im Gegenwert von ein paar hundert Tacken vermacht, na-tür-lich will ich sie mir ganz genau anschauen, die Singles, die es ernst meinen.

Und frage mich doch gleichzeitig ganz philosophisch, was davon zielgerichteter matchen kann: jemand, der meine Kinks und Phantasien teilt, oder jemand, der so wie ich „gern auf Reisen“, gähn, geht. Was des JOYclubs Waschbrettbäuche sind, ist bei Parship das blurry Profilbild. Die gefinkelten Datingpsychologen schlagen vor, dass man sich erst mal so kennenlernt, bevor man das Gesicht genauer zu sehen bekommt.

Ich will nicht zynisch klingen, aber bei der Auswahl verstehe ich schon so ein bisschen, warum. Die Singles, die es ernst meinen, sehen eher nach „Singles, deren Mama keine Lust mehr auf die Bügelwäsche hat“ aus. Erzkonservative Mitarbeiter des Monats. Ikeaduftkerze Vanillearoma.

Weil ich nach Bäuchen und Krawattenfotos auch mal wieder was für’s Auge brauche, melde ich mich also flugs auch noch wieder bei Tinder an.

I don’t online date a lot but when I do, I’m pretty gründlich.

Vorteil Tinder: Keine andere Plattform hat Onlinedating so gründlich demokratisiert und ent-peinlicht. Nachteil Tinder: „Und, wonach suchst du hier so?“ – eine Frage, auf die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit direkt etwas, äh, sehr Spezifisches kommt.

„Mal Kaffeetrinken und schauen, du?“ „Ich suche eine Frau für Facesitting, die mehrere Tage lang nicht geduscht hat“, schreibt mir das italienische Männermodel mit Babyface und 25k Instagramfollowern. Allein schon logistisch schwierig, bei 36 Grad Durchschnittstemperatur so mit Freibad jeden Tag. Next!

„Du bist ziemlich groß. Sehr interessant“, textet der Barkeeper, ein echter Poet. „Du auch ;) “, in meiner Freizeit hab ich´s nicht so mit der Eloquenz manchmal. „Lust auf Schwimmen gehen?“ Meine Güte ja, mir ist ziemlich warm und alles andere ist mir jetzt auch erstmal egal bei 1,93.

Als dementsprechend schleppend erweist sich dann unsere Konversation. Schon nach 26 Minuten schwimmen erfinde ich einen Termin danach, um mich schnell aus der Affäre ziehen zu können, Größe ist eben doch nicht alles. „Stört dich das?“, fragt der Barkeeper, als er auf der Parkbank seinen Arm um mich legt. Als ich „Nö“ sage, küsst er mich. Vier Minuten scheint er für adäquates Vorspiel zu halten, denn jetzt sagt er „Komm, wir machen einen Spaziergang“, der praktischerweise sowieso Richtung U-Bahn führt. „Also dann tschühüss!“ winde ich mich sehr bestimmt aus der Affäre, während er ernsthaft böse wird, dass ich jetzt nicht noch mit zu ihm will. „Nur auf einen Kaffee! Was ist schon dabei!“

Genau das, mein Freund. Genau diese süßigkeitenonkelige Vorspiegelung falscher Tatsachen, mit der du Mädchen die „das nicht stört“ in deine Wohnung locken willst und angepisst reagierst, wenn sie nicht darauf reinfallen.

Wer hätte gedacht, dass das so unglaublich kompliziert wird mit diesem unkomplizierten Sex?

Ich widme mich wieder dem Waschbrettbauchverzeichnis Joyclub, das fühlt sich irgendwie alles ehrlicher an.

Suche Spaß, biete Spaß. Bei Sympathie auch mehr. Alles kann, nichts muss. Als Singlefrau mit hoher Soziosexualität und Straßenabitur steht man hier wirklich verdammt hoch im Kurs. Na toll, noch ein überquellendes Postfach.

Ich entscheide mich für schließlich für einen mit Gesicht, sehr sweet noch dazu, der als so ziemlich einziger in seinem Profil explizit angegeben hat, dass Safer Sex ihm extrem wichtig ist. Sein Datevorschlag ist eine Skybar mit 18-Euro-Cocktails. Nach der albernen Parkbank-Nummer bin ich wirklich schwer gerührt. Es gibt sie eben doch, die Gangbangfreunde mit guter Kinderstube.

Auf dem Weg zu meinem ersten offiziellen SEXDATE bin ich dann doch ziemlich aufgeregt. Statt „halt mal was trinken und dann schauen“ fühlt sich das hier schon sehr offiziell an. Im Schicki-Tower angekommen, merke ich, dass es ihm genauso geht. Irgendwie schön. Um das Eis zu brechen, mache ich natürlich das, was jede Journalistin am liebsten macht: Ich frage ihn aus. Über seine Erfahrungen (viele), seine Wünsche (sehr spezifisch) und seine Weltsicht (mit meiner überraschend konform).

Doch auch 36 Euro Alkohol später klammert er sich immer noch ängstlich an seinem Glas fest. „Findest du mich eigentlich attraktiv?“, frage ich ihn schließlich ganz direkt, weil es ja eigentlich auch wirklich wurscht ist, und er beteuert pflichtschuldig, ja, klar, sehr. Wir knutschen ein bisschen. Als ich in seine Haare fasse, zuckt er zusammen. „Was, wenn ich Schuppen habe? Ich fühl mich so hässlich.“ Ach Mist. Gang Bang Boy hat Body Issues, daher die Unsicherheit. Fällt halt in, ähm, größeren Runden nicht so schnell auf. Ich empfehle sehr liebevoll eine Verhaltenstherapie und werfe ihn vor seiner Haustür aus meinem Taxi.

Meanwhile in der seriösen Partnerbörse: Halleluja, endlich einer mit vernünftigem Foto und selbstironischer Profilbeschreibung! Ich fackle nicht lange, wir treffen uns in einer Bar. Primär, weil mich interessiert, was diese Algorithmen wirklich können. Zynischer Humor und ein paar Reisegeschichten, das auf jeden Fall. Hang zu Rechthaberei und Ehrlichkeit bis zur Schmerzgrenze: check. Aber will ich mich wirklich unbedingt selber daten? Und wenn ja, warum regt sich dann sexuell so rein gar nichts zwischen uns?

Ich schätze, ich bin einfach kein Single, der es richtig ernst meint. Denn genau, wie viele meiner männlichen Freunde ihre Tinderbekanntschaften von vornherein als nicht heiratswürdig weil ja auf Tinder abstempeln, finde ich irgendwie alle Männer, die mehrere hundert Euro in eine gleichgeschaltete Partnerschaft investieren, von vornherein irgendwie…slightly desperate?

Ein knallhartes Vorurteil, das ist mir natürlich bewusst. Und trotzdem habe ich so langsam wirklich das Gefühl, eher auf einer Bumsplattform die Liebe meines Lebens zu finden als hier. Auch wenn mir Parship geradezu aggressiv seine Erfolgsgeschichten um die Ohren haut: Ältere Frauen sind schwer zu vermitteln! Bei uns klappt es trotzdem! Sie sind beruflich total erfolgreich? Na das kann Männer schon sehr einschüchtern! Lesen Sie hier Geschichten jener Paare, die einen stressigen Beruf und die Liebe miteinander vereinbaren konnten. Irma und Robert (beide 34). Puh, danke, geht schon.

Plöing, macht da der Joyclub-Chat. „Hi, ich bin neu in der Stadt. Lust, mal was trinken zu gehen? Hier der Link zu meinem Insta.“ Orthographie, Selfiekompetenz, Eloquenzminimum, Einblick ins soziale Millieu: Werbeagentur, Techno. Kenn ich, kann ich, kenn ich mich aus.

Wir hängen unsere Füße in den Springbrunnen und lachen über die Awkwardness dieser Situation. Schon der zweite Kandidat, dessen sexuelle Phantasie in der Realität erst mal überfordert ist, dass es tatsächlich ein Mädchen geben könnte, das da mitmachen würde, einfach so jetzt, nur zum Spaß. Super Erkenntnis: Männer halten sich ja schnell mal für die größten Stecher aller Zeiten, aber wenn dieser Part mit der Verführung einfach mal komplett wegfällt, sind sie dann doch auch schnell ganz schön nervös. Die Stadt ist wie ausgestorben, alle Bars haben zu. „Ich hab noch Cola zuhause“ sagt er, wir lachen. Na dann mal los. Wir sitzen auf seiner Bettkante und trinken lauwarme Coke Zero. „Und jetzt?“ frage ich. „Sollen wir das denn dann mal ausprobieren?“, fragt er zurück. Wir knutschen, und schwitzen und ziehen uns aus und schwitzen noch mehr.

Simple Pleasures. Creature Comforts. Als ich danach durch die laue Nacht nach Hause springe, komme ich am Brotautomaten meiner Lieblingsbäckerei vorbei. „Das ist schon eine relativ nice Welt, in der man sich per App was zum Vögeln besorgen kann und danach frisches noch lauwarmes Krustenbrot bekommt, oder?“ schreibe ich der weltbesten Freundin.

Alles kann, nichts muss.

Herzlichen Dank an den JOYclub für entspannten Sommersex und die freundliche Unterstützung zu diesem Beitrag!

 

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

4 Kommentare

  • Antworten November 23, 2018

    anja

    kurz habe ich gedacht, vielleicht reicht es, das zu lesen. und gegrinst. und dann hab ich doch noch mehr lust gekriegt, das auch zu machen. merci für die leichtigkeit und lustigkeit und aufzeigen, was alles geht (oder auch nicht).

  • Antworten November 26, 2018

    Catherine

    Wenn es so ist wie es scheint, scheint es wieder angenehmer zu sein im Joy? Den ich vor vier Jahren glatt drangegeben habe, weil … zu dies, zu das. Wer weiß, deine Zeilen machen Lust dem eine zweite Chance zu geben.

    • Antworten November 26, 2018

      Theresa

      Man kann ja einfach selbst sehr spezifisch werden beim “Ich suche…” Feld. Das hilft enorm beim Vorsortieren ;)

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