Humor ist, wenn man trotzdem lacht – ein Text von Eilert Bartels

Mit den Worten: „I don´t want flowers! I want you to find my G-Spot!“ zieht eine Frau ihrem Verehrer die soeben überreichten Rosen über den Schädel. Wehrlos und mit blödem Blick duckt sich der Mann vor den Schlägen. Mein erster Lach-Impuls ist irgendwie: „Haha! Der Typ hat´s immer noch nicht gerafft!“

Einen Tag später blicke ich nochmal auf das Bild, das eine Facebook-„Freundin“ anlässlich des Weltfrauentags am 8. März gepostet hat und plötzlich tut´s weh. Plötzlich sehe ich einen Menschen, der zur Durchsetzung persönlicher sexueller Interessen einem anderen Menschen Gewalt zufügt.

Bild via: Slutty Girl Problems auf Facebook

Was ist daran lustig? Hätten wir auch gelacht, wenn ein Mann zu sehen gewesen wäre, der eine Frau schlägt, weil sie nicht von sich aus weiß, wo seine erogenen Zonen liegen?
Messen wir hier mit zweierlei Maß?

Mit solchen Gedanken kommentiere ich in unter den Post der „Freundin“ und löse deutliche Reaktionen aus. Meine „Facebook-Freundin“ verweist mich höflich aber bestimmt ihrer Plattform, wenn ich hier weiter in männliche Larmoyanz verfallen wolle. Eine andere Frau empfiehlt mir: „Hör auf zu jammern! Oder möchtest Du noch etwas Käse zu Deinem „whine“(englisch für: Jammern). Ein weiterer Kommentar verweist auf einen Artikel, in dem allen Ernstes diskutiert wird, alle Frauen weltweit mit Schusswaffen auszustatten, um die körperliche Überlegenheit der Männer auszugleichen. 
Wow! Da habe ich in ein Wespennest gestochen!

Schließlich ermahnt mich meine „Freundin“ noch, den Humor nicht zu verlieren.
 Spätestens da triggert es mich. Mein Bauch zieht sich zusammen, unsichtbare Hände scheinen mein Herz in alle Richtungen zu zerren und mir wird schwindlig. Erinnerungen an Schulhofmobbing kommen hoch: Ich fühle wieder, wie Hilflosigkeit mir damals Tränen in die Augen trieb, als andere Kinder riefen: „Wieso lachst Du nicht? Das ist doch lustig!“

Hilflos bin ich heute nicht mehr. Ich finde heute Worte dafür. Und sage:  Gewalt ist nicht in Ordnung. Egal, gegen wen und gegen welches Geschlecht.

Später poste ich das Bild im geschützten Raum einer Facebook-Männergruppe und überschreibe meinen Kommentar mit: „Gewalt wird nicht besser oder lustiger dadurch, dass sie sich gegen Männer richtet.“

Etliche Männer werfen mir das Einnehmen einer Opferrolle vor. „Wäre ich der Mann auf dem Bild, ich hätte nur gelacht, oder wenn es wirklich nötig wäre, hätte ich die Frau aus meiner Wohnung geschafft.“ tönt einer. Wirklich? 
Ich denke an ein Gespräch mit einem 75jährigen Mann, der mir erzählte, wie er – nach dem Missbrauch durch die Großmutter und die Prügel der Mutter in der Kindheit – von seiner ersten Ehefrau mit dem Kleiderbügel verprügelt wurde, und sich nicht zu wehren wußte. „Hätte ich mich gewehrt, hätte sie mich noch totgeschlagen, so rasend war sie. Mir blieb nur, in mein Zimmer zu flüchten und die Tür zuzuhalten.“

Da bleibt Jungs und Männern oft eben nur das weglachen. Haha. „Hat ja alles nichts mit mir zu tun!“. So meint denn schließlich ein Mann in der Facebook-Gruppe zu mir: „Typen, die das Opfer spielen, haben nicht anderes verdient als von JEDER Frau mit Rosendornen gefoltert zu werden.“ Aha.
Es gibt aber auch Männerstimmen wie diese in der Gruppe: „ Ich danke dir dafür, dass du die Thematik ansprichst.“

Ja, das Bild in Kombination mit dem Text triggert mich persönlich.
Aber darüber hinaus sehe ich da eine enorme gesellschaftliche Relevanz, dass wir auch Gewalt gegen Männer thematisieren. Weil ich glaube, dass das ´Nicht darüber sprechen“´ und ´Nicht wahrnehmen wollen´, dass Gewalt auch gegen Männer nicht in Ordnung sein darf, ein gravierender Nährboden für Gewalt insgesamt ist. Und leider eben auch ein Nährboden für Gewalt sowohl gegen Frauen als auch durch Frauen.

Eine gute Freundin von mir wurde z.B. von ihrem Vater missbraucht, der von seiner Mutter missbraucht wurde, die wiederum selbst Missbrauch erlebte.

Ich selbst habe Missbrauch durch meine Mutter erlebt.
Ich habe massive seelische Gewalt in meiner Schulzeit erlebt.
Von klein auf habe ich gelernt: Aufgrund deines Geschlechts stehst du moralisch auf niederer Stufe.

Mein jugendlicher und jungmannhafter Lösungsversuch:
Ich habe mich in den 1980ern völlig auf die Seite der Frauen gestellt, vollkommen verdrängt, was ich an Gewalt erlebt habe, und postuliert, dass jeder Mann ein potentieller Vergewaltiger sei. (Und nicht kapiert, dass jeder Mensch, jeder Mann und jede Frau das Potential dazu hat)
Ich empfand nichts falsches mehr daran, wenn über Männer gehöhnt wurde, das es unmöglich wäre, einen Mann zu vergewaltigen, weil er ja selbst das dann noch geil fände und eine Erektion bekäme. Haha. Mitlachen. (Schulhofmobbing: „Wieso lachst Du nicht? Das ist doch lustig!“)

Mit der Verdrängung nahm ich aber auch nicht mehr bewusst wahr, wie und wohin ich die selbst erlebte Gewalt ableitete.  Erst mit einer Krise Ende 30 wurde mir Schritt für Schritt klar, warum ich mir in neurodermitischen Attacken von Kopf bis Fuß die Haut vom Leibe riss und damit in höchstem Maße autoaggressiv war.

Und noch erst danach realisierte ich, dass ich mit gelegentlichem cholerischen Lautwerden aus dem Nichts heraus überaus gewaltvoll war. Dass ich in Wutanfällen Gegenstände zerstörte.
Ja, ich war ein gewaltvoller Mensch. Verbal und zuweilen manipulativ gegen andere Menschen, gewaltvoll gegen Sachen und gewaltvoll gegen mich selbst.

In Therapien arbeitete ich Schicht um Schicht die Ursrpünge dieser Gewalt auf. Es hat lange gedauert, zu begreifen, wieviel Gewalt mir in meinem Leben widerfahren ist.
Nach und nach kam ich so auch aus der von mir ausgehenden Gewalt heraus.

Bin ich völlig frei davon? Ich bezweifle es, denn ich bin immer noch ein Mensch. Und ich kenne nicht einen einzigen Menschen, der frei von Gewalt ist. Deshalb fühle ich mich in Gegenwart von Menschen, die kein Bewusstsein für ihr eigenes gewaltvolles Potential haben, nicht sicher.

Mein Schicksal ist kein besonderes. Ich gehe davon aus, dass jedem Menschen, jedem Mann und jeder Frau in seinem/ihrem Leben Gewalt widerfährt, und es eine Weile braucht, um aus der Verdrängung herauszukommen und Eigenverantwortung für die eigene Heilung, aber auch für die eigenen Gewaltaspekte zu übernehmen.

Wie bereits in den 1970ern, 1980ern, erlebe ich heute erneut wieder das bekannte Bild: In Gesellschaft und Medien heißt es: Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Männer müssen bestraft werden, Frauen müssen geschützt werden. So wurde z.B. die Verschärfung des Sexualstrafrechts in den Medien praktisch ausschließlich „zum Schutz von Mädchen und Frauen vor sexuellen Übergriffen“ diskutiert. Dabei ist das Gesetz selbst vollkommen geschlechtsneutral formuliert und soll alle Menschen schützen, also auch Männer!

Äußert sich ein Mann zu selbsterlebter sexueller Gewalt, wird ihm oft nicht geglaubt, er wird verlacht, oder sein Erleben für statistisch unbedeutend erklärt. So, als sei sein Erleben geschlechtsbedingt weniger wert als das anderer Menschen. Viele Männer, die ich kenne, sind deswegen schlicht verstummt. Auch, weil sie meist nicht einmal auf Rückhalt von anderen Männern hoffen dürfen. Dieses Schweigen halte ich für gefährlich.

Unabhängig vom Geschlecht:
Wer Gewalt erlebt hat, wer diese desktruktive Energie in sich aufnehmen musste, wird sie irgendwie ableiten. Und solange erlebte Gewalt nicht in ein konstruktives Spektrum transformiert ist, wird sie destruktiv abgeleitet. In Form von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt, gegen andere Personen, gegen Dinge oder gegen sich selbst.

Ich setze mich gerne und aktiv dafür ein, dass sexuelle, körperliche, seelische und strukturelle Gewalt zurückgehen können.

Aber dafür brauchen wir das ganze Bild, und das Bewusstsein, dass jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, Würde, Schutz und Respekt verdient.

Dafür brauchen wir das Bewusstsein, dass kaum ein Mensch ausschließlich Opfer ist, und kein Mensch ausschließlich Täter, sondern mit höchster Wahrscheinlichkeit beides ist.

Wir müssen auch männliches Opfererleben denkbar werden lassen, wenn wir alle Menschen zu Empathie und Mitgefühl befähigen wollen.
(Ohne dabei gleich dazu einladen zu wollen, eine Opferhaltung einzunehmen)
Wir müssen auch weibliches Täterinerleben denkbar werden lassen, wenn wir alle Menschen zu Tatkraft und Handlungsfähigkeit befähigen wollen (ohne zugleich vorschnell zu verurteilen).

Kürzlich finde ich das Spruchbild auch auf der Facebookseite von Lvstprinzip und kommentiere erneut: „Gewalt wird nicht besser oder lustiger dadurch, dass sie sich gegen Männer richtet. Theresa antwortet mir: “Lass uns darüber sprechen” und lädt mich ein, diesen Artikel zu schreiben, und gibt mir damit Gelegenheit, meine Gedanken zu ordnen.

Und jetzt kann ich auch wieder über das Bild lachen, denn ganzheitlich betrachtet ist es wirklich absurd: Einerseits der stupide Mann, der immer noch nicht auf die Idee kommt, sich für eine wirklich gemeinsame Sexualität zu interessieren, andererseits die Frau, die lieber auf den Mann eindrischt, statt selbst den eigenen Körper zu erkunden, bzw. ihr Wissen darüber mit dem Mann zu teilen. 
Humor ist eben, wenn man TROTZDEM lacht. Und wir können beides: Lasst uns zusammensetzen, lasst uns lachen, lasst uns miteinander sprechen, ohne das TROTZDEM zu verdrängen.

Danke Theresa, dass das geht.

Text: Eilert Bartels

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

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