Der Penis steckt nicht in der Krise – ein Text von Günther Sturmlechner

Du strebst nach einer risikolosen, operationsfreien plastisch-kosmetischen Verlängerung, Verdickung und Begradigung deines Penis? Endlich! Das ist der PeniMaster Penisexpander. Amazon verkauft ihn für lächerliche hundertzwanzig Euro, inklusive Lieferung. Okay, es mutet seltsam an sein Glied sechs Stunden täglich in eine Art Kleiderbügel zu spannen, aber zieh es einige Jahre durch und du kannst ihn um zwei bis drei Zentimeter verlängern. (So lang ist auch ein Nasenhaar.)

Du hast kein Jahr Zeit? Dann ist die chirurgische Penisverlängerung dein Ding. Wir durchschneiden schnell einige der Bändchen, die deinen Penis im Körperinneren fixieren. Erster Effekt: Er wirkt unter der Dusche oder in der Sauna um zwei Zentimeter (Eine magische Zahl!) länger. Zweiter Effekt: Erigiert dein Penis, ist es möglich, dass er ab sofort in alle erdenklichen Himmelsrichtungen absteht. (Welcher Mann träumt nicht vom mythenumrankten Penispropeller? Zeus hatte so einen. Unter dem Decknamen „Goldener Regen“ schleuderte er seinen Samen durch alle vier Winde. Wie hätte er sonst so viele Göttinnen, Nymphen und Menschen befriedigt?)

Wir bieten auch eine Penisverdickung und bauen Penisprothesen ein. Wir schälen die natürlichen Schwellkörper aus deinem Glied und ersetzen sie durch mechanische Plastikimplantate. Hey!!! Wo läufst du hin? So teuer ist das nicht, zahl in Raten …

In seinem Buch „Himmel auf Erden & Hölle im Kopf“ weißt Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers darauf hin, dass mittlerweile über dreißig Prozent der Kunden der Schönheitschirurgie männlich sind und das Angebot solcher Operationen wahrnehmen. Nachfrage: Steigend? Mir scheint, dem Symbol der Potenz wird heutzutage viel abverlangt. Viele Männer liegen im Clinch mit ihm: Groß muss er sein, natürlich gut aussehen und vor allem funktionieren. Hilft das Viagra nicht mehr, soll eine OP her. Kann ich es einer Frau nämlich nicht ad hoc besorgen, habe ich versagt, dann bin ich kein Mann.

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Was für ein Mann? Na der: Zurechtgefittet für Plakate streckt er mir den eingeölten Bizeps hin. Er legt Wert darauf, gut zu duften. Er ist smart, weil er Zigaretten raucht und umgibt sich Tag und Nacht mit hübschen Frauen.

Ich fragte mich oft, wie zum Teufel macht das der Mann? Liegt es an seinem modischen Haarschnitt oder den Tattoos? Bin ich echt so viel weniger smart, als er? Sollte ich anfangen zu rauchen? Da kam mir der Mann plötzlich in der Fußgängerzone entgegen.

Das gibt es nicht, dachte ich und rannte schnell zu seinem Schaufenster. „Du bist doch da“, sagte ich, „Aber da bist du auch. Und dort. Und da.“ Jeder hatte seine Klamotten an, seinen Haarschnitt, seine Tattoos, seine Sonnenbrille, sein Bla-Bla-Blah. Junge Männer gebärdeten sich wie Gangsterrapper aus Musikvideos oder der Surfertyp aus der Feltins V+Werbung.

Sie kauften bügelfreie Hemden, feierten wie die Clique in Hangover und redeten zu Frauen wie im Porno. Ich realisierte: Der Mann hatte sich Freunde gemacht und jedem von ihnen eine coole Uniform geschenkt. Freundschaft+; ideal hoch zwei! Wie könnte ich auch in diesen Club, der Superfreunde kommen … Schreibe ich da an Dior? Marc Jacobs hebt nie ab.

Verzweifelt suchte ich Hilfe in einer H&M-Filiale. Die
sonst nette Sales Assistentin reagierte aber verstockt auf
meine Fragen. So ein Club existiere nicht.
„Nein?“
„Doch.“
„Ah…“

Ich starrte aus dem Schaufenster hinab auf die Mariahilferstraße. Die Hosen, die Haare, die Bärte – es war offensichtlich! Als ich einen neuen Versuch bei der Sales Assistentin wagte, wies sie mich enerviert zurück. Schlagartig war mir klar, dass sie etwas zu verbergen hatte. Warum sollte sie sonst so unausgeglichen sein? Es gab diesen Club, da war ich sicher, doch es handelte sich um einen Geheimbund.

Ich recherchierte, setzte mich in Cafés und Bars, begann zu beobachten. Ich unterhielt mich mit Freunden, die aussahen, als hätten sie es bereits in den Club geschafft. Meine wahren Beweggründe hielt ich geheim. Ich ging mit ihnen zum Sport, zum Einkaufen, zu Partys – und ermüdete. Machten die das, das ganze Jahr? Der blanke Versuch eine Freundschaft zu diesem Mann aufzubauen, raubte mir alle Kraft.

Man muss sich ernähren, wie er, den passenden Sport machen, genug Geld verdienen, die neueste Musik hören und vor allem muss man sich mit der richtigen Frau umgeben. Eine, die aussieht wie diejenigen, auf den Plakaten neben dem Mann. Das ist anstrengend. Noch dazu, wenn plötzlich geflüstert wird, dieses und jenes wäre gar nicht so toll, wie es angepriesen wird.

Im Internet wurden Stimmen laut, die behaupteten, mein Traummann würde seiner Zeit nicht mehr gerecht. Und die meisten, die das meinten, waren nicht mal Klubmitglieder. Beim allmächtigen Zeus, es waren Feministinnen! Emanzen, die uns den hydraulischen Penis neiden.

Pause.

Sind das Problem hier wirklich die Feministinnen; oder hetzt der Mann seit seiner Kindheit glänzenden Rollenbildern hinterher? Schablonen aus Schaufenstern, Filmen und Musikvideos. Raffiniert verstrahlen sie sein Unterbewusstsein und schrumpfen das männliche Individuum, auf wenige Attribute: Penis, Muskeln, Bart.

Ich weiß nicht, ob diese gesellschaftliche Stellung für den Mann gänzlich neu erscheint. Gab es schon immer einen Männlichkeits-Raster? Ich weiß bloß, dass ich seine Grenzen fühle. Fällt nur mir auf, dass mein Geschlecht medial genauso ausgebeutet wird, wie die Frau?

Die geht aber seit langer Zeit auf die Straße und schreibt Essays. Sie kämpft dagegen an, auf ein Objekt reduziert zu werden. Ist die Verkleinerung eines Menschen auf seinen Penis nicht genauso objektivierend, wie die Reduktion auf Busen und Po?

Ich lese in Artikel über Pornosucht viel von der verdinglichten Frau. Ich konditioniere (unbewusst?) ein aufreizendes Non-Plus-Ultra und glühe es in meine Erregungssynampsen, um schnell und oft, abzuspritzen. Meine Fantasie scheitert aber an der Realität und manifestiert sich später als erektile Dysfunktion.

Selten lese ich davon, dass ein Mann den männlichen Pornodarsteller und seinen schimmernden Riesenständer infrage stellt. Jeder schweigt über das populäre Männerbild, das meine sexuelle Eigenwahrnehmung verunsichert und mein Lustempfinden lähmt.

Stattdessen schlucken wir Pillen, gehen zum Chirurgen und degradieren uns zu Leistungsobjekten – stets vom Außen abhängig, gierend nach fremden Erwartungen, die unseren Daseinszweck rechtfertigen. Man ist erst ein Mann, wenn man so aussieht und dieses und jenes kann.

Wenn man aber nur Erwartungen erfüllt, wird man nie wissen, was man selber will. Was sind meine Vorlieben? Was verletzt mich? Wie groß ist die Kapazität meiner Lust, meiner Trauer? Wer bin ich eigentlich?

Stellt sich der Mann diesen Fragen selten, weil er am weihrauchumwobenen Irrglauben festhält, besser wissend alles tun und lassen zu können, wie es ihm beliebt?
In einer Welt, die 24 Stunden täglich zigtausend Möglichkeiten anpreist, wird selektieren zu rebellieren. Das prickelt weniger, als der Sturm auf die Bastille; ist aber nicht minder nötig, um sich selbst zu entdecken. Doch die Verfremdung umnachtet den Mann mit dem Idealgespinst der Konsum- und Leistungsgesellschaft.

Er hat es über Jahrhunderte selbst herbeigerufen und aufgepäppelt. Starr vor Angst einen Fehler begangen zu haben, wimmert er sich jetzt beim kleinsten Buhh! die Seele wund. Und weil sich selbst infrage stellen, unter Umständen mehr Tapferkeit abverlangt, als neue Freiheiten zu erringen, steckt der eingeschüchterte Mann planlos fest. Dabei ist ein Schritt zurück auch ein Schritt und jeder Schritt ist eine Bewegung.

Man schreibt vom getöteten Mann. Vom unnützen Mann. Dem verlorenen und verwirrten Mann. Man raubt diesem Mann alle Möglichkeiten, dabei hat es ihn noch nie gegeben. Der Mann war eine Karikatur der Zeit. In Wahrheit hat er selbst seine Persönlichkeit auf die simpelste Essenz vorweg destilliert.

Niemand spricht vom entfesselten Mann. Der endlich den Schleier von seiner Charakterklaviatur zerrt und über die Individualitätsskala hinweg jene Töne klimpert, die ihm eine Ich-muss-der-König-der-Welt-sein-Illusion seit Jahrhunderten nicht antasten lässt.

Mir schießt immer noch das Blut in die Ohren, wenn eine Frau beschließt, mir die blanken Busen, zeigen zu wollen. Schaff ich das? Schaff ich das nicht? Ist mein Penis groß genug? Größer und schöner als alle, die sie bisher sah? Die Unsicherheit zu glauben, jemandem nicht gerecht zu werden, auf den ich mich irrsinnig freue, schnürt mir die Luft ab. Doch zitternde Hände sind niemals peinlich. Sie beweisen, dass mir was am Herzen liegt.

Zuneigung verdirbt, wenn man sie verschweigt, darum sage ich: „Ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Wenn sie mich mag, sagt sie, was sie möchte. Wenn sie mich nicht so gern mag, sagt sie auch, was sie möchte, denn sie möchte guten Sex. Und, wenn sie mich lässig findet, sagt sie: „Es reicht, dass du da bist.“ Zack! – strömt das Blut die Ohren abwärts …

Diese Zukunft erlebe ich aber nur, wenn ich in der Gegenwart Verantwortung für meine eigene Unsicherheit und meine eigenen Bedürfnisse übernehme. Unter keinen Umständen darf man einem anderen Menschen abverlangen unfreiwillig eine Krücke für die eigenen Zweifel zu sein. Schwierig? Unabhängige, freie Erwachsene sind dazu in der Lage. Sie erleben ihre ganze Persönlichkeit.

Der Konsumwahn erzeugt einen Angstmarkt. Eine Industrie legt den Wert des echten Mannes fest: Er wäscht sich hiermit, er kleidet sich damit, er sugart mittlerweile seinen Penis. Will ich untenrum noch immer aussehen, wie ein Achtjähriger? Ist das die ewige Jugend, des kleinen Adam?

Feministinnen wie Peggy Orenstein, Ariel Levy, oder Laurie Penny schreiben viele kluge Texte über das, was seit Langem, in abgeänderter Form, auch der Mann erfährt und es ist Zeit, zu verstehen, dass Sexualisierung nicht nur die Frau betrifft. Sie betrifft jeden Menschen.

Ich bin überzeugt, dass sich Gleichberechtigung erst vollzieht, wenn gleichgestellte Partner anerkennen, dass sie ein Problem teilen, beginnen daran zu arbeiten und es lösen. Wie empfindet ihr jetzt?

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com
Text: Günther Sturmlechner
Autorenfoto: (c) Lisa Stern

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

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