Swingen – oder so ähnlich. Ein Text von Helene

Mein Handy ist immer noch in sein WLan eingeloggt. Ich merke es erst Stunden später.

Nach einem Jahr meist schlechter Stimmung haben wir nach einer dramatischen Nacht die vorläufige Trennung ausgesprochen – und wieder fahre ich die vielen Kilometer auf meiner so wohlvertrauten Fernbeziehungsautobahn in mein Leben zurück. Musikhörend, verzweifelt, wie so oft im letzten und eigentlich auch in den letzten 4 Jahren.

Jetzt ist mein Handy nach ein paar Verbindungsverwirrungen in meiner Wohnung angekommen. Mit mir, diesem Bündel Traurigkeit.

Was ist nur passiert?

So oft und dauernd diskutiert haben wir das Thema „Sex“. UNSER Sex war gigantisch, bis heute. Der erste Mann, mit dem es so richtig vollkommen war. Lust ohne Ende, Zärtlichkeit wie ich es mag, aber auch dreckig und wild und und und. Viel Neues war für mich dabei, da er (als jahrzehntelanger Pornokonsument) natürlich Einiges mehr „gesehen“ hatte als ich, die in diesen Sphären eher sporadisch unterwegs war.

Für ihn habe ich viel aufgegeben, ich war so geflasht und verliebt. Und dazu dieser endlich erfüllende Sex! Kurz nach der Trennung von meinem Exmann sagt er mir, wie gern er mal einen Dreier hätte, mit einer zweiten Frau. Ok. Uff. Spüre zuerst ein Ziehen im Bauch, Kälte, denn er hat auch schon konkrete Frauen im Kopf, nur so, um mich anzutörnen.

Natürlich Jüngere als mich. Es trifft.

Das war der Einstieg, eigentlich harmlos, viele Männer wünschen sich das hab ich mir sagen lassen. Und er sagt mir, ich wäre doch so offen. Und überhaupt: das ist doch nur ein Spiel.

Aber der Zeitpunkt dieser Spiel-Eröffnung für mich absolut unpassend: immer noch im Trennungsschmerz einer langen Beziehung, dazu das ganze Leben umorganisieren und Finanzielles regeln – da hätte ich erst mal einen kuscheligen Kreis um unsere Zweisamkeit gebraucht, die Sicherheit, da darf erstmal niemand rein.

Naja, es war ja nur mal eine harmlos ausgesprochene Phantasie.

Aber so geht es weiter: er entdeckt die Swingerszene und ist völlig fasziniert. Möchte in den Club gehen. Ich mit, ja doch, will mich ja auch weiterbewegen, wo unser Sex doch so gut ist. Bin ja auch neugierig, was es so ums nächste sexuelle Eck noch alles gibt. Unser erster Besuch ist wunderbar: völlig verherzklopft sitzen wir im Auto. Drinnen bin ich völlig unfähig, mich im Ober-Sexy-Look zu zeigen geschweige denn mich auszuziehen, aber wir zwei sind so verliebt und begehren uns so sehr. In einer sexuellen Atmosphäre sein in dieser Stimmung ist toll. Männer fassen mich vorsichtig an, während wir auf der Matte liegen (so heißt das, wo’s zur Sache geht), aber ich kann nichts davon haben, zu neu das alles. Auch eine Frau streckt ihre Hand nach mir aus, aber ich möchte nichts. Jedes Nein wird sofort akzeptiert, das ist hier die oberste unangefochtene Regel. Leute von alt zu mittel jung zu ganz jung – völlig neue, aber aufregend-andere Welt. Meine Befürchtung, hier seien nur Männer bewahrheitet sich nicht. Wir sehen Live-Sex in allen Schattierungen. Es ist völlig normal, von Zimmer zu Zimmer zu laufen und zu gucken, Spielwiesen heißen diese unterschiedlich gestalteten Matratzenräume, in denen Besucher zu Zweit oder in irgendwelchen Konstellationen Sex haben. Eine Woche lang reden wir jeden Abend am Telefon darüber und sind völlig berauscht, auch von uns.

Ich muss und möchte das Ganze erstmal verdauen, waren es doch soviele Eindrücke. Aber stattdessen nimmt es Fahrt auf: er findet heraus, dass es mit der Anmeldung auf einer bestimmten Sex-Website beim Clubbesuch Rabatt gibt. Schnell legt er ein Paarprofil von uns an, mit oben ohne Bildern von mir oder von meinem Mund oder Körper. Dann folgen Links per Mail zu Paaren, mit denen wir Kontakt aufnehmen könnten, um uns zum Sex zu verabreden. Bevor ich wieder registriere, dass mir das alles viel zu schnell geht hat er schon von seiner Torschlusspanik erzählt: solange sind wir ja nicht mehr jung, wenn dann jetzt usw. Und überhaupt: das ist doch alles nur ein Spiel. Hm, wieso kann ich das einfach nicht genauso sehen? Es würde mir doch die Schwere nehmen, die sich inzwischen überall in meinem Körper breit gemacht hat.

Jeder weitere Clubbesuch wird nun zu einer Druckwelle für mich: wann machst du endlich mal was? Wann traust du dich, jemand Wildfremden auf besagter Matte zu berühren, um in ein sexuelles Miteinander zu kommen? Sei doch ein wenig frecher, selbstbewusster. Ich spüre den Druck, aber kann nicht. Das führt zu Streit danach und zu Frust bei ihm. Ich bin so verwirrt: bin ich denn so wenig mutig oder will ich das einfach nicht? Ich verteidige mich, kraftlos irgendwie, denn eigentlich macht mich diese Verwirrtheit hilflos. Er weiß: das hier ist das, was er möchte. Sex in allen Facetten, Bestätigung von anderen Frauen, was ihm durch Flirten oder erlaubte Berührungen zuteil wird. Und ich Teil des Ganzen, mittendrin, Zuschauerin, aber am liebsten aktiv, voller Lust. Er sagt auch: Warum machst du nichts mit einem anderen Mann? Das wäre so geil.

Und so fängt ein endloser, in unzähligen Tagebucheinträgen festgehaltener Dialog mit mir selbst an. Er – die Sexbombe. Ich – die Unerfahrene, Unsichere. Diese Schubse, die er mit geben will sind gut gemeint, aber machen mich letztendlich noch verzweifelter. Ich weiß sexuell nicht mehr, wer ich bin, geschweige denn, wo meine innere Mess- und Spürlatte für mich geblieben ist. Bin jedesmal verletzt, wenn er anderen Frauen hinterherschaut oder ich seinen Hunger nach anderen Frauen spüre. Es wird auch klar artikuliert. Bemerkungen inmitten einer von mir sehr genossenen Zweierblase, auf dem Bett liegend: ein dritter Körper wäre jetzt aber auch schön.

Es trifft, jedesmal. Ich genüge nicht. Unzählige Kämpfe beginnen.

Und ich fühle mich noch falscher als falsch. Dazu muss ich sagen: das war schon immer die Message meiner Familie, dass ich irgendwie falsch bin. Und dies hier alles trifft mich genau in dieser Kerbe. Viele schlechte Tage beginnen. Ich habe Schuldgefühle, weil ich ihm diese Orgien und vorgestellten Szenarien nicht bieten kann. Weil ich nicht funktioniere mit meiner Wackelkandidatin „Lust“. Und immer Angst habe. Weil mir nur der Geruch seiner Wünsche nach anderen Frauen, das Wissen um seine Wünsche Angst macht. Weil sie wie ein Damokles-Schwert über mir schweben. Und ich das an mir selber komisch finde.

Unsere Gespräche über das alles sind inzwischen eine feste Institution in unserer Liebe; ein ewiges Jonglieren zwischen Wünschen und Schmerz, zwischen intellektuellem Verstehen und emotionalem Unverständnis. Und unsere Augen blitzen sich trotz allem immer noch verliebt an. Er ist reflektiert, verständnisvoll, sieht sein Druck-machen ein. Freilich, auch schöne Erlebnisse sind dabei und manchmal hat sein sanftes Schubsen auch geholfen: ich entdecke, wie gerne ich weiblich-runde Körper anfasse. Ich gerate in ein Durcheinander mit gleich zwei Frauen und es ist wirklich schön. Ich kann erlauben, dass auch er berührt wird von ihnen und sie berührt. An diesem Abend bin ich gut, ich performe quasi perfekt, aber für mich auch absolut stimmig. Ein Highlight. Danach Frieden.

Durch unsere ständigen Streits beschäftigt er sich mit sich und das Wort „Sexsucht“ taucht auf. Er bemerkt, wie sehr er Sex braucht und dass das schon immer sein Allheilmittel war. Er liest darüber und wir reden wieder, diesmal andersherum, also ER ist das Problem, nicht ich. Das tut gut. Es folgen Experimente mit Abstinenz, während denen er so schlecht drauf ist, dass ein Tag mit ihm unendlich lang ist. Aber ich bleibe und will helfen. Schließlich lieben wir uns doch. Wir gehen zu einem Paartherapeuten, der uns aber überhaupt nichts Neues zu sagen hat, was wir nicht selber schon mal durchgedacht hatten. Er empfiehlt Tantra -Sex, aber den machen wir eigentlich schon. Es kostet nur 190 €, dieser kleine Hoffnungsschimmer, dass sich unser Dauerkonflikt auflöst und wir neue Impulse bekommen. Es schwelt und schwelt. Und jeder Streit darüber (und es sind viele) reißt uns auseinander.

Ich arbeite weiter an mir. Hoffe, irgendwann könnte ich es ertragen, dass er andere Frauen möchte – denn dass er ein wenig bi ist macht mir nichts, das ist ja keine Bedrohung. Aber Frauen schon. Weil die Intimität mit ihnen genauso aussieht wie die mit mir. Ich will Exklusivität. Und die gibt er mir ja eigentlich nur mit Worten: ich liebe dich, ich will doch nur Sex mit denen, da ist kein Gefühl dahinter. Aber da ist sie schon, die Mann-Frau-Falle: Sex ohne Gefühle kann ich mir schwer vorstellen. Das hatte ich zwischen 18 und 20, beim Rumprobieren. Da habe ich viele Männer gehabt, die nur Sex mit mir wollten und jedesmal hat es sich gleich beschissen danach angefühlt. Eigentlich wollte ich was anderes, ich wusste es damals nur noch nicht.

Immer mehr spüre ich, wie wenig geborgen und sicher ich mich fühle. Add on: Fernbeziehung. Jedesmal nach Tagen des Nicht-sehens und Nur-telefonierens wieder zueinander finden, Nähe aufbauen. Das allein schon ein Ding, ein Kraftakt für sich. Ich lese das fünfte Buch über Eifersucht und glaube immer noch, dass ich sie überwinden kann. Aber gleichzeitig stehe ich immer mehr dazu: seine Wünsche nach anderen Frauen
machen mir Angst – und das ist einfach so!

Dann bin ich wieder mal mutig und gebe ihm/uns das endlich: wir suchen via Internet auf besagter Sexseite einen attraktiven Mann für mich aus. Wir stellen ein Date ein und bekommen über 100 Mails, alles Männer, die Sex mit mir möchten. Ich wähle einen aus: sehr attraktiv, ein einfach schöner, muskulöser Mann mit gutem Gesicht. Wir treffen ihn in einer Bar. Er sieht gut aus, aber sonst ist da nichts. Er ist kalt und unnahbar.

Aber gut: ich ziehe es jetzt einfach durch, habe ich mir das doch vorgenommen. Wir nehmen ihn mit nach Hause. Ich sitze zwischen meinem Freund und diesem fremden Mann. Wir ziehen uns aus und beide fangen an mich und meine Brüste zu streicheln. Ich schaudere – es fühlt sich nicht gut an und nichts tut sich in Sachen Lust. Aber jetzt sind wir schon so weit gegangen, nicht kneifen jetzt, also ab ins Bett. Vorher stehe ich vor dem Fremden und küsse ihn. Ich brauche ein bisschen Wärme, wenigstens ein bisschen. Und dann fickt er mich. Ausdauernd, kräftig. Mein Freund sitzt vorne und schaut mich tatsächlich mitleidig an. Er hat keinen Ständer, es war eigentlich als Dreier gedacht. Aber wir haben wohl unterschätzt, was eine fremde Person durch ihre Anwesenheit mit unseren Körpern macht. Jetzt möchte ich nur, dass es zu Ende ist und sage dem Fremden, er könne gerne einfach kommen. Er sagt, er kann ewig. Irgendwann breche dann ich das Ganze ab.

Er geht.

Durch dieses Erlebnis habe ich den Beruf der Prostitution verstanden: Du teilst dich innerlich einfach auf, in einen Körper und eine Seele. Der Körper wird vernascht, die Seele bleibt außen vor. Ich fühle mich tagelang schmutzig und benutzt und weiß wieder: nein, das möchte ich nicht mehr. Es erinnert mich an die Zungenküsse meines Opas, an seine Knetbewegungen an meinen Brüsten, als ich noch ein Kind war.

Und selbst mein cooler eifersuchtsloser Freund hat diesmal Zweifel, allerdings andersrum: habe ich das Ganze doch mehr genossen, als ich zugegeben habe? Es wird zu einer Dauerschleife, diese ganzen Empfindungen zu diesem Thema „Sex mit Anderen“: da ist die Eifersucht oder Angst verlassen zu werden, wenn er andere Frauen, für was auch immer, möchte. Als reflektierende Frau weiß ich: habe ich erlebt mit meinem Vater, der mich tatsächlich verlassen hat. Und da ist das Anfassen meines Opas genau in der Scheidungszeit meiner Eltern. Männliche Geilheit als Bedrohung. Retraumatisierung heißt das auf psychologisch. Deshalb fällt mir das alles so schwer – ich kann mich selber wieder lieben.

Weil er nicht so recht weiß, was er eigentlich von anderen Frauen will (und ich ihm das im Club durch meine Angst und Eifersucht bisher nicht gestatten konnte) geht er zu einer Prostituierten. Als Experiment sozusagen. Ja, das ist Selbstverantwortung sagt mein Kopf. Mein Herz ist wieder verletzt, als er es mir danach erzählt. Die Bilder kreisen und kreisen. Aber er konnte nicht wirklich steif werden bei ihr. Meine Therapeutin sagt: das ist doch der beste Beweis!

Wir reden, streiten, reden. Wir suchen Lösungen für unsere Unterschiedlichkeit. Mit unserem beiderseitigen Bi-Interesse hatten wir bisher keine Konflikte, deshalb neues Experiment: jeder installiert eine App, ich eine, um Frauen kennenzulernen, er eine für den Kontakt mit Männern. Denn in unserem Bi-Interesse finden wir uns und dann kann wenigstens das irgendwie gelebt werden. Auf meiner Frauen-App passiert wenig; es macht mich auch nicht wirklich an, da alleine loszuziehen. Und auch die logistische Wirklichkeit: wann bitte soll ich da jemanden kennenlernen, in meinem engmaschigen Leben zwischen meinem Beruf, meiner Fernbeziehung und meinem Kind? Bei ihm (einer App, die vornehmlich von schwulen Männern genutzt wird) geht mehr. Er verschickt Schwanzbilder (das tun da alle irgendwie) und will sich mal mit einem Mann treffen. Er ist auch unsicher, ob er das kann, schließlich steht er nicht wirklich auf Männer; da gibt es eben nur so Phantasien, die mal mit der Wirklichkeit abgeglichen werden wollen. Völlig ok für mich.
A propos Phantasien: in meinen seh ich ihn öfter mit einer anderen Frau Sex haben, stelle mir das sogar intensiv vor, wenn ich geil bin; aber für mich wird auch klar, dass es eben nur eine Phantasie ist, die ich nicht in Echtzeit und nicht in der Wirklichkeit brauche.

Währenddessen machen wir auch gemeinsam, wenn auch sehr reduziert, weiter: wir haben ein Hotel-Date mit einem Paar. Wir fahren hin und sehen sie an der Bar. Vorher sind ja schon Gesichtsbilder freigeschalten worden, also wissen wir zumindest, wie sie ungefähr aussehen. Schon bei den ersten Sätzen wird mir klar, dass es da keinen Draht gibt. Irgendwie ein holpriges Gespräch, uninspiriert. Aber wieder handle ich gegen meinen Impuls: auf die Frage der Frau, ob wir jetzt aufs Zimmer gehen sagen wir ja. Oben angekommen läuft der Fernseher in einem kleinen atmosphärelosen Zimmer. Wie beginnen? Alle ziehen sich aus. Jetzt muss ich doch handeln und klarstellen, dass wir keinen Partnertausch wollen (also genauer gesagt: ICH will das nicht; mein Freund würde es schon tun, wenn es passt). Ok. Da sind sie kurz betreten, aber dann fängt halt jeder mal mit seinem Partner zu knutschen an, nebeneinander auf dem großen Bett. Die Hand meines Freundes wandert an die Muschi der Frau. Ich bin eh so unerotisiert und innerlich auch irgendwie trotzig: sage ihm, er könne gerne näher an sie ran…aber das meine ich eigentlich nicht. Eigentlich will ich einfach nur einen ganz klaren Schmerz spüren, darüber, dass er das will. Ich bin schon komisch denke ich gleichzeitig. Das Paar bricht das Ganze irgendwann ab: also sie hatten sich schon Partnertausch gewünscht, von daher wird das hier nichts. Seltsame Atmosphäre. Wir entledigen uns unserer Nacktheit und gehen. Mit dem Typ von ihr hätte ich nie etwas machen können. Und für die Beiden waren wir einfach Frischfleisch.

Danach ein weiteres Streit- Wochenende: dieses Gefühl, dass er die Hoteldate-Frau doch gewollt hätte. Es tut wieder weh. Schließlich fahre ich frustriert, weil sich alles mit ihm so verdammt schlecht und ausweglos anfühlt. Ich komme in meiner leeren Wohnung an. Habe mich schon lange nicht mehr so alleine gefühlt. Aber ich FÜHLE es einfach, meine vielen gelesenen Bücher über Spiritualität und sonstige Selbstakzeptanz helfen doch irgendwie und meditieren tu ich auch; also werde ich wieder klar in meinem Kopf. Gehe alles mit ihm innerlich nochmal durch: dieses verdammte Sex-Thema will ich nicht mehr über mich ergehen lassen. Ich formuliere es für mich als „Sex-Stress“ um. Wenn auch noch wackelig weiß ich eigentlich, dass Sex mit Fremden nur sehr bedingt für mich in Frage kommt. Abends telefonieren wir. Er erzählt mir, er hätte am gleichen Nachmittag, nachdem ich wegen unseres Streits gefahren bin einen Mann zu sich eingeladen und Sex mit ihm gehabt. 26 Minuten lang. Er wollte es jetzt endlich mal machen, nachdem das doch schon so lange im Raum stand. Und das es ihm danach leicht übel war. Ich kann nicht glauben, dass er das wirklich gebracht hat, wo wir uns doch wieder so gestritten hatten. Und bin noch verzweifelter.

Noch eine seiner Wünsche und Phantasien: er möchte mir erzählen, welche Frauen er gut und sexy findet; das ist doch die höchste Form von Nähe sagt er. Und natürlich will auch er wissen, welche Männer ich so beim Anschauen mag. Oder: es bedient uns eine hübsche junge Kellnerin und er kann mit mir gemeinsam phantasieren, was wir alles mit ihr machen würden. Ich muss sagen, dass ich wirklich sehr auf große Oberweite stehe. Das macht mich an, erotisiert mich. Aber die Kombi aus „jung“ und „komm lass uns phantasieren“ oder „wir fragen sie, ob sie mit uns nach Hause möchte“ verletzt mich dann doch wieder. Ich spüre es als Schmerz im Bauch, als kalte Linie, als Rückzug in mich selbst. Und ich fühle mich schlecht, weil ich so fühle: ich sollte doch drüber stehen, schließlich bin ich doch selbstbewusst! Klar, ich schaff das halt nicht, bin zu schwach, habe immer noch zu wenig Selbstliebe – daran sollte ich wirklich mal weiter arbeiten, das sollte jetzt einfach mal klappen! Bullshit sage ich jetzt laut, als vorläufig Getrennte. Mein Bauch war immer der allerehrlichste Indikator, wann etwas nicht stimmig ist. Und verletzt ist verletzt. Punkt. Ich brauch in einer Beziehung nicht ständig das Bewusstsein, dass es da draußen Millionen anderer attraktiver Frauen gibt (nur für den Sex, nicht zum Verlieben – wohlgemerkt! ) Aber genau das glaubt mein Bauch einfach nicht. Ich fühle mich bedroht, austauschbar und jedesmal : nicht genug. Mein Instinkt sagt mir, dass mich dieser Mann irgendwann für eine heißere und offenere Frau verlassen wird. Aber zwischen Instinkt und blanker Angst kann ich schon lange nicht mehr unterscheiden.

Also gebe ich es jetzt doch besser auf, dieses Beziehungs-Etwas. Auch wenn es Liebe ist oder zumindest einmal war. Diese dauerhafte Atmosphäre von Unsicherheit und Nicht-Geborgenheit hat mich mich entlieben lassen.

Er ruft wieder an.

Will sich ändern.

Und jetzt?

Text: Helene

Bild: (c) Scop.io

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

2 Kommentare

  • Antworten Mai 5, 2020

    Stefan

    Bewegend ehrlicher Bericht. Was macht Selbstliebe aus? Weiß ich nicht. Aber die Aussage: keine Geborgenheit, so viel Unsicherheit, das taugt mir nicht, macht mir das Leben schwer. Was behindert es, das einfach ernst zu nehmen? Sich selbst einfach richtig für voll zu nehmen? Klar, wir sehen Dinge anders, die eine so, der andere so. Da muss ich mir einfach treu bleiben: ist nichts für mich. Lass ich bleiben. Sonst gehe ich verloren.
    Bitte nicht. Zu schade einfach: der Bericht ist so klar, so ehrlich. Einfach das suchen, was einem zusagt. Von ganzem Herzen.

    • Antworten Mai 16, 2020

      Anonymous

      Lieber Stefan, Du hast die Essenz meines Berichts total und feinfühligst erfasst – danke für diesen wunderbaren Kommentar! Ja, die Selbstliebe ist es, um die es geht, aber manchmal passiert zuviel Unbekanntes, das erst einmal sortiert werden muss…das ist hier passiert. Das Gefühl für das eigene Selbst geht verloren…und letztendlich war es eine (wenn auch oft schmerzliche) Reise – und ich habe zurückgefunden, weiß jetzt eine Menge mehr. Über mich, über mein Leben, über meine (Nicht-)Vorlieben. Und um Deine Frage aufzugreifen: was macht Selbstliebe aus? NIE das Gefühl für sich selbst zu verlieren, sich selbst in punkto Sex immer wieder abzuspüren und zu fragen: WAS möchte ich wirklich? Der Körper ist da ein wunderbarer Indikator. Ich grüße Dich, Helene

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