Take me to Church: Lvstprinzip goes New York

“When you leave New York, you are astonished at how clean the rest of the world is. Clean is not enough.”

Kann mich bitte mal jemand kneifen? Ich sitze gejetlagged früh morgens in Jogginghosen und Kimono vor einem klassisch-labbrigen Drip Coffee Large Skim Milk no Sugar please thank you in einer Bäckerei in Spanish Harlem und schreibe.

Es sind nie die ganz großen Sonnenuntergangs-Main-Act-am-Festival-multipler-Orgasmus-wenn-endlich-der-Beat-wieder-einsetzt-Momente, in denen mir bewusst wird, wie geil das Leben ist. Sondern immer diese extrem alltäglichen, eigentlich komplett unspektakulären.

Wie so ziemlich jede Frau Anfang 30, die 1998 einen Fernsehanschluss mit Pro7 hatte, bin auch ich komplett Carrie-sozialisiert. Direkt nach Tic Tac Toe und den Spice Girls kam diese neurotische knochige Frau im Tutu, schrieb mehr oder weniger kluge Sachen über Sex auf und vögelte einen uralten Typen im Anzug, von dem sie sich allen Ernstes “Kleines” nennen ließ. Es ist schwer, sich das heute anzuschauen, ohne permanent “Toxic Masculinity!” zu schreien. “Die Zicke” und “Die Schlampe” wirken inzwischen über weite Stellen wie die beiden einzigen zurechnungsfähigen Frauen in dieser Konstellation.

But I couldn´t help but wonder, ob ich ohne Carrie jetzt heute hier sitzen und schreiben würde. Ich glaube, auch an Sex and the City mochte ich nie die spektakulären Dramamomente, wunderbar bescheuerten Outfits und sexuellen Slapstick-Einlagen so gerne wie das für mich nach wie vor romantischste Bild aller Zeiten: eine Frau. Ihr Steinzeit-Macbook. Eine Kippe. Gedanken über Sex in Worte fassen.

Zwanzig Jahre später habe ich aus meinem Teenagertraum einen Beruf gemacht, der mich  jetzt schließlich zurück ins gelobte Land geführt hat: dank Einladung der wunderbaren Beate Uhse war ich Ende September auf der Sexual Health Expo in Brooklyn. Fortbildungsausflug, Sexkolumnistinnenstyle.

Und das war fachlich gleich in vielerlei Hinsicht spannend: Während es in Deutschland entweder Oldschool-Schmuddel ala beige Ballonseidejackenträger mitte 50 filmen Live-Sexshows auf der VENUS oder Antiseptisches Toy-B2B-Fachbesucherprogramm auf der EroFame zu bestaunen gibt, ist die Sexual Health Expo irgendwas ziemlich interessantes in amerikanisch dazwischen.

Es gab, klar, jede Menge Sextoy-Neuheiten zu bestaunen, unter anderem den sehr tollen Auflegevibrator Squish von Unbound Babes, der selbst komponierte Vibrationsmuster abspeichern kann und die wunderschönen Chakrubs-Edelsteindildos, an die ich weniger aus Eso- als aus Materialkunde- und Packagingsicht mein Herz verloren habe, sowie, ja wirklich, ein Sternzeichen-Set von Bijoux Indiscrets, bestehend aus Halskette und einem Fingervibrator, den ich als pragmatische Waage allerdings wegen batteriebetrieben-sein rügen muss.

Fast genau so spannend wie die neuen Produkte fand ich persönlich die stellenweise sehr straighte, extrem feministische Kundinnenansprache. Wo in Deutschland noch alle “ui geil aber schon krass, können wir das denn so bringen oder vergraulen wir da unsere männlichen Kunden?” unken würden,  setzt man hier schon ganz klar auf die Marketingstrategien Gönn dir Selfcare, du bist geil, genau so wie du bist, Orgasmen sind Empowerment, und lieber solo als mit nem Prolo.

Preach! Preach! Pussy grabs back!

Ob MeToo, Bodypositivity, Selbstliebe, Intersektionalität oder Transidentität: egal, wieviel man von diesen Diskursen virtuell so mitbekommt, erst in den USA versteht man so richtig, woher sie eigentlich kommen und welchen Stellenwert sie hier einnehmen. Denn ja, die Bandbreite an Körpertypen und Identitäten ist wirklich in jeder Hinsicht überwältigend and I fucking love it.

Hier ist tatsächlich alles größer, krasser und lauter als bei uns, und das ist verdammt gut so. Denn keiner ist frei, solange nicht alle frei sind. Und hier in New York merke ich zum ersten Mal so richtig, wie sehr diese Freiheit schon bei der Sprache anfängt.

“Hab später nochn Date” schreibe ich meiner neuen Freundin Sammy. “Oh cool, have fun with them!” antwortet sie. Und auch wenn es ein Typ ist spüre ich, wie entspannend es einfach ist, wenn Heteronormativität kurz mal nicht mehr ganz so in Stein gemeißelt ist. Wenn jemand mal nicht mehr automatisch annimmt, dass ich eine “Frau” bin, die folgerichtig *nur* “Männer” trifft.

Und während bei uns alle noch um das Binnen-I streiten und sich mit “mitgemeint” gegen korrekte KundInnenansprache sperren, sprechen zumindest auf der Sexpo alle ganz tiefenentspannt von “People with a Penis” und “People identifying as female”. Don´t assume anything out of privilege. Es ist tatsächlich so ähnlich wie beim Binnen-I: die ersten zwei, drei Mal fühlt es sich noch holprig an.

Und dann ganz einfach normal und inklusiv. Muss das sein? Aber ja, sowas von! Und zwar übrigens nicht nur aus Weltverbesserersicht: rund 20% aller Harvardstudierenden identifizieren sich angeblich inzwischen als LGBTQUIA- Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer/Questioning, Intersex, Asexual. Ein fucking Fünftel fühlt sich als Randgruppe! Das werden mehr. Und: das ist gut so.

Zum Glück sehe ich gerade, wie auch immer mehr deutsche Firmen erkennen, dass diese wirklich nicht allzu kleine Randgruppe nicht nur eine Randgruppe ist, sondern eben auch: ein Markt, den es inklusiv und korrekt anzusprechen und zu integrieren anstatt einfach nur mitzumeinen gilt. Falls ihr diesbezüglich Probleme habt: schreibt mir gerne eine Mail. Gemeinsam mit einer sehr coolen Sexualpädagogin biete ich maßgeschneiderte Firmenworkshops und Beratungen zum Thema Inklusion und Geschlechtervielfalt im Spannungsfeld zwischen Sex und Sprache an.

Gleichzeitig spürt man auf der Sexpo, wie viel stärker als bei uns gerade das Thema Sex Education gepusht wird. Besonders meine wunderbar ironische, superlustige und zutiefst souveräne Kollegin Dr Jess O´Riley ist mir in sehr lebhafter Erinnerung geblieben. Sie unterrichtet nicht nur Schulklassen, Health Panels und Kreuzfahrtschifte, sondern auch: große Firmen! Denn im Gegensatz zu uns scheint man in den USA schon verstanden zu haben: Mitarbeiter, die zufrieden mit ihrem Sexleben sind, sind generell glücklichere und somit auch bessere Mitarbeiter. Handjobguide als Burnoutprophylaxe, Hell Yes!

Ein weiteres wichtiges Wort, das an diesem Wochenende ständig fällt: Consent. Consent, Consent, Consent. Genauer: Enthusiastischer Consent. It´s not the removal of a no, it´s the addition of a yes. Nicht: Nein heißt Nein, sondern ja, ohgott ja, bitte nimm mich, hier und jetzt, ja, jetzt immer noch, ja, gerne auch in dieser Stellung, nö, darauf hab ich jetzt nicht so Lust aber wie wärs denn stattdessen mit…ohgott ja, Ja, genau da.

Seit sich dank #metoo #kavanaugh und #azizansari ein paar mehr Menschen darüber Gedanken machen, wie ein klarer, korrekter und freundlicher Umgang miteinander funktioniert, wird hier an allen Ecken Consent unterrichtet.

Einer der Speaker geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt, dass wir zuallererst mal uns selbst consenten müssen: sicherzugehen nämlich, dass wir bei allem, was wir tun, eine wohlinformierte und kluge Entscheidung treffen, die unseren eigenen Interessen dient.

Amen to that.

Ultra gut und ultra wichtig, schließlich sind wir nicht nur vom Castingcouch-Narrativ aus Pornos darauf gedrillt, dass Sex etwas ist, in was Männer Frauen irgendwie „reintricksen“ bis es ihnen dann eh auch halt irgendwie gefällt, sondern genauso von gängigen Schnulzromancovern, in denen ein barbrüstiger Hühne eine willenlose Frau überwältigt. Datingratgeber raten Frauen, so passiv wie möglich zu sein, weil Männer „die Jagd“ brauchen und sich sonst in ihrer „Männlichkeit“ eingeschränkt fühlen, und Pick-Up-Coaches erklären gleichzeitig wiederrum Männern, wie sie „ihren Mann stehen“ und „sich nehmen was ihnen zustehen“ sollen.

So lange weibliche Resistenz und männliche Potenz und Überwältigung fetischisiert werden, hat Sexualität ein ganz ungesundes Machtgefälle und zwar not the good kind mit Seilen und Floggern. Das kollektive Umdenken fängt gerade erst richtig an.

Das ist gerade eine sehr anstrengende, aber auch sehr inspirierende, großartige Zeit, in der das Private eben doch sehr, sehr politisch ist.

Zuckersüßerweise lud mich dann Womanizer zum Launch ihres neuesten Toys zu einem Panel mit dem Titel „The Future of Sex“ in den V Club ein. Schon beim Betreten der Location dachte ich: Yessss. This is exactly how it´s done. Der V Club, Slogan „Calling all modern women of New York“ ist ein superstylischer Club in Midtown Manhattan, in dem Kurse rund ums Thema Sexualität und Kommunikation abgehalten werden. Wesentlich mehr so fancy Boutique Spa mit Bar als Gemeindezentrum. Hier ist Sex Ed tatsächlich schon Self Care undf Wellness.

Im Panel saßen unter anderem meine wunderbar lakonische Kollegin Gigi Engle und Andrea Barrica, Gründerin der Aufklärungsplattform O-School. Sie stammt aus einem sehr christlich-philippinischen Elternhaus und hat laut Eigenaussage schon zwei Tech-Startups gegründet, bevor sie zum ersten Mal ihre eigenen Genitalien gesehen hat. Inzwischen ist sie Freizeit-Domina und lacht sehr laut, viel und dreckig. Mit ihrer Plattform will sie die Brücke zwischen PornHub und Planned Parenthood schlagen, die beiden einzigen Aufklärungsquellen der USA.

Komplett selbstlos ist sie damit allerdings nicht – wie alle Amerikaner, denen ich auf diesem Trip begegnet bin, hatte auch sie diese wunderbar Unapologetical Attitude des „There´s a shit ton of money to be made here!“ Slay girl, slay.

Noch jemand, der es meiner Meinung nach wahnsinnig richtig macht, ist Daniel Saynt von NSFW. Die superexklusive Invite-Only Community schöner kinky Kreativmenschen aller Größen und Ethnien mit Club House direkt an der New Yorker High Line fühlt sich an wie eine wunderbare Zukunftsvision, in der kluge Menschen ihre sexuellen Bedürfnisse klar kommunizieren und leben können. Das „Soho House of Sex“ ist für mich das ultimative Rabbit Hole meiner Zeit in New York. Freunde, ich hab das Licht gesehen. Die Future ist nicht female, sie ist intersektional, selbstbestimmt, kreativ und sehr, sehr fluid. ADULT im eigentlichen Sinne des Wortes.

Von all dem hätte Carrie vor 20 Jahren noch nicht mal träumen können. Aber so sehr der Zahn der Zeit an dieser Serie genagt hat: sie hat doch den Grundstein dafür gelegt, dass Frauen nicht nur ab und an als sexuelle Wesen portraitiert werden (also, Samantha zumindest) sondern auch als solche, die gern und viel darüber quatschen.

Reden wir drüber! Jetzt noch viel mehr. Denn Aufklärung ist ein JA zu uns selbst.

Vielen Dank an Beate Uhse, die mir diesen Wahnsinnstrip ermöglicht haben. Schon in den prüden 50er Jahren stand Beate Uhse wie keine Zweite für das Brechen von überflüssig gewordenen Konventionen. Kuppelparagraph anyone? Ich bin mir sicher, sie hätte an unserer chaotischen Zeit ihren Spaß gehabt.

Gemeinsam mit Beate Uhse verlosen wir einen brandneuen Womanizer Liberty im Wert von 100 Euro! Verrate mir einfach bis 28.10. hier in den Kommentaren, welche bescheuerte Konvention deiner Meinung nach 2019 echt mal sterben gehen kann. Teilnahmeberechtigt sind alle ab 18 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, der Rechtsweg ist ausgeschlossen!

 

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

9 Kommentare

  • Antworten Oktober 22, 2018

    Caro

    Dass Sex immer noch zu häufig mit dem Orgasmus des cis Mannes endet.

  • Antworten Oktober 22, 2018

    Fritzi

    Konventionen, die 2019 mal bitte gerne sterben gehen sollen:
    – Dass nur Penis-in-Vagina-Sex “richtiger” Sex ist.
    – Dass ich ein mentales High Five von meinen Freund*innen bekomme, wenn ich einen Typen abschleppe, aber beschämte Blicke ernte, wenn ich berichte, wie ich so heftig masturbiert habe, dass ich davon Muskelkater am Hintern bekommen habe.
    – Dass alles davon ausgehen, dass der Typ, mit dem ich grade einen Spaziergang mache, mein fester Freund ist und niemand mal fragt, wie wir das, was zwischen uns ist, beschreiben wollen.
    – Dass Bi-Frauen irgendwie sexy und Bi-Männer super-scary sind.

    Konvention, die in mir drin mal bitte sterben soll:
    Dass eine asexuelle Beziehung keine “richtige” Beziehung sein kann.

  • Antworten Oktober 24, 2018

    Vanessa

    Dass man mit dem Mann, mit dem man eine Beziehung führt, irgendwann auch bitteschön Kinder bekommen muss.

    Und von welcher Konvention ich mich selbst frei(er) machen muss:
    Dass der Sex mit Orgasmus (des Mannes) enden muss. Einfach nur nackt sein und fummeln ist doch auch schön!

  • Antworten Oktober 24, 2018

    Madlen

    Dass (serielle) Monogamie moralisch anerkannt ist, einvernehmliche Mehrfachbeziehungen (Polyamorie) aber absolut verwerflich…!?!

  • Antworten Oktober 24, 2018

    Laura

    Waaah ich liebe deinen blog, danke für den artikel und alle anderen !
    Die Spaziergehkonvention – omnipräsent in meinem leben.

    Meine: wenn man jemandem erzählt, dass, nach langen jahren einer tatsächlich festen beziehung diese bis auf weiteres nicht mehr besteht , geht das umfeld sofort davon aus, dass die beide personen keinen kontakt, schon gar keinen körperlichen, zärtlichen, sexuellen, mehr haben.

  • Antworten Oktober 24, 2018

    Anja

    Wie mich das aufregt, dass man immer sofort alles definieren muss… Man kann sich doch einfach mal ne Zeit lang treffen – ganz ungezwungen – ohne dass es ihn eine bestimmte Richtung laufen muss. Wenn es für beide Parteien cool ist, passt es doch voll! Es muss ja nicht immer alles benannt werden.

    Wovon ich mich selbst mal etwas freier machen sollte: Dass über Sex reden zwar mittlerweile echt gut funktioniert und ich da offen bin. Aber sobald es über Masturbation und Selbstbefriedigung geht, werde ich irgendwie bisschen verklemmt, obwohl ich sonst ein krass offener Mensch bin, was intime Themen betrifft.

  • Antworten Oktober 24, 2018

    Carmen

    -Dass Sex grundsätzlich ein Vorspiel benötigt
    -dass Männer Helden sind, je mehr Frauen sie hatten, während Frauen bei viel wechselnden Verkehrspartnern als Schlampe dastehen
    -dass Männer Blowjobs lieben müssen (ja, es gibt auch solche, die das tatsächlich nicht mögen)
    -dass Frauen einen Mann mit schlank anturnen
    -dass Frauen möglichst wenig Sexualpartner, aber möglichst viel Erfahrung haben sollen
    -dass in einer Ehe Sex als Pflicht gesehen wird. (man kann aus verschiedenen Gründen sogar längere Zeit darauf verzichten, z.B wenn ein Baby geboren wurde, oder einfach die Lust fehlt usw.)
    Uvm.
    😊🍀

  • Antworten Oktober 24, 2018

    Birgit

    Ich hasse!, ja verabscheue die Konvention, ein Sex-bezogenes Thema in einer Diskussion als nichtig abgewürgt zu bekommen. Weil wir ja eh alle schon so aufgeklärt sind. Und es gäbe ja Wichtigeres. a) Wieso nimmt sich jemand anders das Recht darüber zu urteilen, was für jemand anderen wichtig ist? und b) Ist Selbst-Liebe, Lust, Safe-Sex, Kommunikation darüber etc. nicht wichtig? Und was ich damit konkret meine ist Folgendes: Es wird ein Artikel auf Facebook geteilt. Es geht um Sexualpartner, die Kondome verweigern und wie satt man diese denn nicht hätte. Dann kommentiert ein gewisser Herr. F: “Was ist das für eine Diskussion, bitte? Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen scheinen in den 1970er Jahren in eine Gletscherspalte gefallen und erst gestern wieder aufgewacht zu sein. Was möchtest du als nächstes diskutieren? Vielleicht: “Abhilfe gegen bösen Zauber: welche Alraunen wirken am besten?””
    Na wunderbar, Herr F. Über Sex redet man nicht und schon bitte gar nicht auf Facebook. Was für eine scheiß Konvention.

  • Antworten Oktober 27, 2018

    IMHO

    Bisher nur Frauen? Hmmm…

    Ich sähe gerne einige miteinander verwobene Konventionen fallen:

    Zu allererst die, man müsse “unbedingt irgendwann, aber mindestens doch bis da und dahin und überhaupt…” bestimmte Erfahrungen gemacht und bestimmte Dinge ausprobiert haben. Geht’s noch? Muss immer noch wer beim Sex dreinreden, ob nun eine bloß behauptete “normale” Mehrheit oder irgendwelche Leitfiguren?

    Damit gehört auch die Vorstellung von “absolute beginners” gestrichen, zumal negativ wertend, denn wer denkt dabei schon an “Super, bestimmt experimentierfreudig, weder konventionell noch unkonventionell vorbelastet…” Sexualität erwacht schon in der Kindheit und irgendwann ja wohl auch Phantasien dazu, ob nun konventionelle oder unkonventionelle (z. B. Fetische, wie mangels einleuchtenderer Allgemeinplätze oft vermutet).

    Tatsächlich AB kann man doch nur in und durch Normen und Konventionen sein, wie z. B. “Bis 20 aber minimal Stöpselsex!” oder “Muss eine moderne Frau ‘anal’ können?” (Forenwirklichkeit!), aber wohl kaum in seinen Phantasien (es sei denn, man ist asexuell, aber dann beginnt man da ja auch nichts). Zumal wirken “Hirngespinste” doch oft intensiver als die (untraumatische!) Realität, anhaltender und bleiben so lange erfüllbar, wie sie nicht an einer zu konventionellen Wirklichkeit scheitern. Oder man ist es potenziell mit jedem neuen Partner…

    Dazu passen weitere Konventionen: Nachdem recht zuverlässige Methoden die Sexualität auf Wunsch unproduktiv machten und sie damit vom Risiko der “frohen Erwartung” befreiten, wurde ihr um so nachdrücklicher ein ganz unfroher Erwartungs-, Optimierungs- und Performancedruck verpasst. (Oft genug “aneinander vorbei”.) Ey, der macht genug Menschen schon sonst überall reichlich kaputt, depressiv oder süchtig. Sind wir eigentlich bekloppt? Braucht Sex immer noch einen “höheren” Segen? Lust, insbesonders gemeinsame, eine Absolution?

    Und damit geht bitte gleich eine weitere Konvention von uns, nachdem selbst BDSM-Spielarten schon recht konventionell erscheinen und ausgerechnet Homosexuelle die größten Spießer sein können: Das Naserümpfen über sexuelle “Fetische”, am liebsten auch noch zur grundsätzlich unreifsten Form von sexuellen Phantasien und Realitäten erklärt. Selbst wenn es im Einzelfall durchaus so sein kann: Wenn Sex in unserer Spaßgesellschaft längst als bindungsfreier Genuss in fast jedem Rahmen akzeptiert wird, ist das wirklich gestrig bis diskriminierend…

    Schluss damit, sich an Sexualität messen zu wollen und messen zu lassen. Über sich selbst nachzudenken und Wünsche zu kommunizieren und auszuprobieren ist super – Performance-Forderungen und -Normen aufzustellen ist Banane.

    So. Auch, wenn ich mich jetzt rauskicke: Beate Uhse und Konkurrenz waren für mich nach den ersten, natürlich noch hochspannenden, zumal nicht volljährigen “Realitychecks” schnell ein ganz spezifisch angestaubter Hort sexueller Konventionen. Wie auch anders: Kommerz hängt sich immer an solche und schafft am liebsten sogar neue.

    Klar, Beate Uhse persönlich war unkonventionell und musste alte mit neuen Konventionen bekämpfen, anders hätte sie die alten gar nicht weggekriegt. Aber das hat irgendwann nicht mehr funktioniert, da war die Revolution eingeschlafen, da haben sexuelle Ewigkeiten später weder die Bespaßung der verflossenen DDR noch “Mae B.” mehr ausrichten können als den Ausverkauf – wie auch die 68er fast alle zu besonders saturiert-nostalgischer Bourgeoisie geworden sind. (Hast Du noch Sex oder golfst Du schon?)

    Mal schauen, ob Tess L. als echter Mensch dort mehr Fortune entwickelt… Es sei ihr gegönnt! ;-)

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