Wir müssen reden

“Sag mal Theresa, lebst du eigentlich noch?” So sieht mein Posteingang im Moment aus. Teilweise, antworte ich. Langsam wieder. Sometimes you make the art and sometimes the art makes you.

Ich habe mich rausgezogen. Und das war gut so. “Ganz schön mutig” sagen meine Influencerbekannten da, und “kommt denn da jetzt noch was oder wars das bei der?” die anderen. Und ich ertappe mich selbst dabei, wie ich mich jedes Mal, wenn mir jemand sagt, dass er meinen Blog mag, überschwänglich dafür entschuldige, schon so lang nichts mehr geschrieben zu haben. Und frage mich im nächsten Moment: ist das wirklich das Leben, das ich führen will?

Würde man versuchen, mein Privatleben der letzten anderthalb Jahre in einem Satz zusammenzufassen, fällt mir nicht sehr viel Positiveres ein als „ich war dabei“. Es hat mich mit der Vehemenz, die nur Tod, Krankheit und Trauma innehaben, auf die fundamentalen Lebensthemen geworfen, die jede*r von uns früher oder später mit sich verhandeln muss, nur aber halt bitte wann anders, und bitte mal nicht genau jetzt. Ich bin im Nachhinein oft nicht ganz sicher, wie ich das überlebt habe, geschweige denn, wie ich es hinbekommen habe, parallel auch noch an einem Buch und siebzehn (!) anderen mittelgroßen Projekten zu arbeiten, von denen man hier und in der Öffentlichkeit mal mehr und mal weniger mitbekommt.

Wer morgens ein gebügeltes Hemd anzieht (okay, eine Hose vielleicht auch noch) und in ein Büro geht und Dinge tut, die nichts mit ihm selbst zu tun haben, kann seine Persönlichkeit vielleicht eher ein Stück weit beiseite schieben als jemand, dessen Persönlichkeit nun mal Teil des Projekts ist. Aber es hat mir Halt gegeben, einen Bezugsrahmen, in dem ich funktionieren konnte, wenn auch zugegebenermaßen mal mehr und mal weniger gut (I´m sorry for what I said while I was writing).

Ich habe mich rausgezogen, und das war gut so. Auch wenn es schwer fällt, das Spiel von der Seitenlinie aus zu betrachten, statt so wie sonst mittendrin mitzukämpfen, hilft es, um zu verstehen, worum es in diesem Spiel eigentlich geht, und wie schnell und wie willkürlich die Spielregeln sich ändern.

Teilweise finde ich das richtig gut: Ich mache jetzt seit genau zehn Jahren in Sprache, Sex und Internet, und so viel wie in den letzten zwei, drei Jahren hat sich davor insgesamt nicht getan. Ich finde es großartig, wie viel mehr jetzt verhandelbar ist, sei es Geschlecht, Orientierung, Beziehungsform, Identität, Körper oder Herkunft. Intersektional zu denken allein ist schon ein Fulltimejob, wenn man sich bemüht, es richtig zu machen. Es ist eine Annäherung in einer Welt, in der es immer nur Annäherungen geben kann, und ich finde, dass dieser Versuch sich lohnt.

Ich schreibe für die Welt, die ich mir wünsche, und nicht für die, die oft auch gerade immer noch ist. Das bedeutet natürlich auch, dass ich sehr oft kotzen möchte. Zum Beispiel wenn Salomé Balthus von einem alten Mann gefragt wird, ob sie als Kind missbraucht wurde, kotzen, weil alle Frauen in mir immer noch müde sind über den ganzen Scheiß, mit dem wir uns auch 2019 immer noch rumschlagen müssen. All dieser strukturelle, komplett übergriffige Schwachsinn, der mit “reg dich halt nicht so auf” abgetan wird, sobald man den Mund aufmacht, oder im Fall Balthus in einer ungerechtfertigten Kündigung resultiert. Wir regen uns aber auf, denn es ist, wie gesagt, 2019, und nur wenn sich sehr viele Menschen mit demselben Schwachsinn auseinandersetzen müssen und den Mut haben darüber reden, können wir die Strukturen dahinter verstehen, uns ihnen entziehen, die Welt mehr so machen, wie wir sie uns wünschen.

Für mich ist das momentan der Sinn vom Internet. Auch das versteht man übrigens insgesamt immer weniger, wenn man es mal von der Seitenlinie aus betrachtet. Durch Facebook oder Instagram zu scrollen, ist wie über einen asiatischen Straßenmarkt zu spazieren. “Hello Miiisss, buy something? Miss what you looking for? Bum Bum Hashish? Miss buy Chanel purse? Buy something miss, you happy me happy!” Herzlichen Dank, Susanne aus Mecklenburgvorpommern, ich will nicht in deine geschlossene Online-Coachinggruppe eintreten um dort ganz in meine weibliche Urkraft zurück zu finden. Behalt deine Plastikklamotten, lieber H&M. 21-Tage-Yogachallenge, danke, ich hab schon.

Wisst ihr noch, damals, als wir gedacht haben, die bösen Frauenzeitschriften wären an allem schuld?  Die schlimmen Medien, die Mangelzustände für uns erfinden, niedergephotoshoppte Idealzustände propagieren und gleichzeitig auch noch die Lösung in Form eines Produkts mit dazu vermarkten? Oh wait, wie praktisch: heute machen wir all das ganz einfach selbst – danke dafür, Neoliberalismus.

Ihr ahnt es vielleicht bereits: ich will so ein Internet nicht machen. Nicht für euch, aber vor allem auch nicht für mich selbst. Von mir werdet ihr nie zu hören bekommen, dass Sextoy X oder Produkt Y euer komplettes Leben revolutionieren wird und ihr dann endlich so glücklich und woke seid wie ich. Ich weigere mich, mich, meine Arbeit und meine – bitte einmal kurz winden vor Ekel für dieses Wort BRAND – dieser Verwertungslogik zu unterwerfen. Und der von Algorithmen, die sich einmal die Woche ändern und allem, was mit Sexualität zu tun hat, sowieso ganz eigene, nochmal ungleich beschisseneren Regeln überstülpt. Ich glaube, ich wurde jetzt insgesamt vier mal von Facebook blockiert und werde regelmäßig für genau nichts von Instagram verwarnt, und ich habe aufgehört, das schlimm zu finden. Denn ich sehe reihenweise Influencer in meinem Umfeld unter diesem ganzen selbst – und fremdaufgebautem Druck zusammenklappen, und I would prefer not to.

Ich muss mir die Welt gerade ein Stück weit einfacher machen, weil sie es für mich in den letzten Monaten nicht war. Mein Therapeut munkelt von einer längeren Auszeit, die Menschen sich normalerweise nach so einem Mammutprojekt nehmen sollen, und predigt so bourgeoise Konzepte wie “Wochenende”. “Aber ich war doch den ganzen Samstagnachmittag mit Freunden…” – “Wochenende, Theresa. Das hat zwei Tage. Dafür gibt es Gründe.” Ok.

Das ist hier gerade Work in Progress: Mit meiner eigenen Ungeduld, meinen Ideen und meinen Visionen zu haushalten, nicht “geht schon irgendwie” zu sagen wenn ich eigentlich “nö” meine, mir selbst im Kopf Platz freizuschaufeln um nachzujustieren. Nur extrem selektiv Aufträge anzunehmen. Das Lvstprinzip in mir wiederzufinden und es bei einem Gläschen Crémant vorsichtig auszufragen, worauf es denn jetzt eigentlich so als nächstes Lust hat.

Es klingt jetzt vielleicht kitschig, aber eins der Dinge, auf die ich mich in meinem Schreibloch am allermeisten gefreut habe, war das hier: das Bloggen, das Gespräch mit euch, die Interaktion und den neuen Input. Ich plane gerade die kommenden (Gast-)artikel und bin wahnsinnig stolz auf die wunderbaren Geschichten und Menschen, die ich euch vorstellen darf.

Ich fühle mich selbst gerade ein Stück weit auserzählt, und freue mich sehr darauf von euch zu hören. Was ihr so erlebt habt, was euch bewegt, worüber ihr gern mehr wissen würdet, und wie ihr zum Lvstprinzip beitragen wollt. Gebt mir einen Drink aus, wenn ihr Lust dazu habt.

Wie wollen wir leben? Wen wollen wir lieben? Und wie wollen wir – sorry not sorry – ficken? Mit diesem breitbeinigen Statement ging dieser Blog vor genau vier Jahren online. Wir haben gelernt, diese Fragen zu lieben, unterwegs ein paar Antworten gefunden, und währenddessen fast noch mehr neue Fragen aufgeworfen. Ich habe gerade keine Ahnung was genau alles als nächstes passiert, und zum ersten Mal seit längerem fühlt sich das richtig gut an.

Foto (c) MCKPhotography

Hallo, ich bin Theresa und ich mag Sex! Deswegen habe ich Lvstprinzip gegründet.

8 Kommentare

  • Antworten April 13, 2019

    Clara

    Habe deinen Blog erst vor kurzem entdeckt und am gleichen Tag noch so ziemlich ALLE Artikel verschlungen. Freue mich sehr, dass du zurück bist!

    • Antworten April 13, 2019

      Theresa

      Oh wow, da war der Tag dann auch vorbei :) wie schön dass du jetzt mit dabei bist!

  • Antworten April 13, 2019

    Oliver

    Hallo Theresa,

    schön wieder mal was von Dir zu lesen. Ich würde ja auch gern mal wieder einen Gasttext verfassen, aber ich fürchte, das, was ich berichten kann, beschränkt sich gerade auf sexuelle Frustration. Nicht so unbedingt interessant.

    • Antworten April 13, 2019

      Theresa

      Hallo lieber Oliver! Ach, ich finde auch sexuelle Frustration kann sehr interessant sein, und, wenn man Wege findet, gut mit ihr umzugehen, auch hilfreich für andere, davon zu lesen!

  • Antworten Mai 8, 2019

    Marcel

    Mir geht’s momentan ähnlich wie dir, und obwohl das vielleicht nicht gerade toll ist, ist es dennoch irgendwie erleichternd, dass andere das auch durchmachen. Von daher: Positive Energie von jemandem, der sich in deinen Worten wiedergefunden hat.

    • Antworten Mai 8, 2019

      Theresa

      Oh hi, Herr Kollege! Liebe zurück. Lass uns ne Selbsthilfegruppe gründen.

  • Antworten Juli 24, 2019

    Beate Kalmbach

    Ich mag diesen Text und überhaupt diese Website!

    • Antworten Juli 25, 2019

      Theresa

      Wie schön, liebe Beate! Viel Spaß beim Lesen <3

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